Zwei menschliche Hände berühren sich sanft über einem Blatt mit Blindenschrift. Eine Hand hat einen Ring. Das Bild vermittelt Nähe und Unterstützung in der Kommunikation für Menschen mit Sehbehinderungen.
09.05
2026
08:40
Uhr

Seid Menschen

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, 

Heute ist der Tag danach, was die Geschichte angeht. Der 8. Mai gestern erinnert an das Kriegsende 1945. Es war das Ende eines bis heute unfassbaren Schrecken und Mordens, das Millionen Menschen ihr Leben geraubt hat. Junge Menschen, die alles andere mit ihrem Leben wollten als Länder überfallen und Menschen töten, starben gerade in den letzten Kriegstagen einen furchtbaren Tod. Was in deutschem Namen an Verbrechen in Europa und weltweit begangen wurde, erinnern wir und dürfen und wollen es nie vergessen.

Der 9. Mai ist der Tag danach, an dem wir fragen, wie es mit dieser Erinnerung weiter geht. Wir haben in den letzten Jahren lernen müssen, dass wir in einer Welt leben, in der wieder Herrschende Kriege anzünden und imperiale Interessen mit Gewalt durchzusetzen versuchen. Wir sehen, dass allein der Ruf nach Frieden und die Forderung nach diplomatischen Gesprächen nicht schon Frieden schaffen. Das ist bitter und furchtbar – vor allem für die, die unter täglichen Angriffen von Bomben und Drohnen leiden, als erstes die Kinder.

In unseren Kirchen beten Menschen seit Jahr und Tag für den Frieden in der Welt, immer wieder. Wir tun das in dem Wissen, dass auch das nicht unmittelbar gerechten Frieden schafft. Aber dieses Gebet, das Erinnern und Behalten der großen Sehnsucht nach Frieden, das Wachhalten des göttlichen Auftrags an alle Menschen, Frieden zu stiften in der Welt, bleibt wichtig: Kirche schafft Räume für die lebensnotwendige Vision vom Ende aller Kriege, die so oft an der Realität scheitert. Wir dürfen sie dennoch nie aus dem Blick verlieren, genauso wenig wie die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung unter uns. Krieg schafft unermessliches Leid. Ohne die Sehnsucht nach einer anderen Welt in wahrem Frieden können wir nicht leben.

Heute vor einem Jahr starb Margot Friedländer. Ihr freundlicher und zugewandter Blick begegnet uns gerade auf mobilen Plakatwänden der Stadt. Sie verlor ihre Familie in der Shoah und überlebte das Morden. 1946 verließ sie mit ihrem Ehemann Deutschland, lebte von da ab in New York. 2003 kehrte sie trotz aller grausamen Erinnerungen in ihre Heimatstadt Berlin zurück. Für viele Menschen in Deutschland und darüber hinaus war und ist sie ein Vorbild, ein Sinnbild für Mitmenschlichkeit. Einsicht – wer die Augen von Margot Friedländer erinnert, weiß, was das Wort wirklich bedeutet: Ihre Augen ließen auf den Grund aller Menschlichkeit sehen. Ihre letzte Rede zwei Tage vor ihrem Tod beendete sie mit den Worten: „Ich bitte Euch, seid Menschen“. Die Schülerinnen und Schüler des zukünftigen Margot-Friedländer-Gymnasiums in Berlin-Gatow haben jetzt eindringlich daran erinnert und über dem Eingang ihrer Schule ein Banner auf-gehängt. Es schwebt über unserem Zusammenleben: Seid Menschen.