Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
„Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen muss“ – der drastische Satz fiel am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtergreifung, aus dem Munde eines großen Berliners, des jüdi-schen Malers Max Liebermann. Er wohnte damals am Pariser Platz, von wo er direkt auf den Aufmarsch von Fackeln mit Braunhemden am Brandenburger Tor sah. Es war der Anfang vom Ende. Auch für ihn und seine Familie.
„Nie wieder ist jetzt!“ – die gerade in diesen Tagen des Gedenkens oft ausgesprochene Mahnung bezieht sich auch auf eine diktatorische, willkürliche Form von Gewaltaus-übung, die meint, nur weil sie die Macht habe, könne Gewalt Wahrheit und Menschlich-keit ersetzen. Das darf nie wieder sein, sage ich mit Nachdruck, und bekenne, dass es mich zutiefst erschauert, wenn ich die brutale Macht sehe, die sich in Gestalt der Auslän-derbehörde ICE jetzt in Minneapolis über Recht und Menschlichkeit setzt. Willkürlich Tö-ten und darüber offenkundig lügen – das zerstört erneut jene westlichen Werte, die die christliche und christlich-jüdische Kultur bisher ausgemacht haben. Willkürliche Gewalt zerbricht Zivilisation. Historische Vergleiche sind da, ich weiß, nur begrenzt hilfreich, sie sollten nie dem Gleichsetzen dienen, sondern nur dem Vergleichen, zu dem dann auch die Unterschiede, die Differenzen gehören. Diese Einsicht sollte allerdings auch nicht so zugespitzt werden, dass sich aus der Geschichte gar nichts mehr lernen lässt. „Wehret den Anfängen!“ heißt es deshalb gewissermaßen als Partnersatz zu diesem „Nie wieder ist jetzt“.
Wehret den Anfängen! - Ich bin froh, dass sich so viele Amerikanerinnen und Amerika jetzt gegen die willkürliche Machtanmaßung der ICE erheben. Wehret den Anfängen - und gedenkt jenes Anfangs, der in der Bibel immer wieder beschrieben wird: Gott will, dass das Recht ströme wie Wasser in den Bächen, wenn das Tauen einsetzt, ein Bild, mit dem wir bei den vereisten Straßen gerade draußen viel anfangen können.
Es gibt noch so einen prägenden Satz, der in diesem so entscheidenden Jahr 1933 fiel. Er stammt vom evangelischen Theologen und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der sagte: „Es genügt nicht, die Opfer zu verbinden, man muss dem Rad in die Speichen fallen.“ Für diese Haltung und seinen Widerstand hat er mit dem Leben bezahlt. Bonhoeffer, der am 4. Februar 1906 geboren wurde, war Anfang der 30er Jahre in Amerika gewesen, hatte dort die Bänder des Glaubens und der Kirchen zwischen Deutschland und Amerika enger ge-knüpft. Das tun wir jetzt auch, wenn wir in Gedanken und im Gebet bei den Christinnen und Christen unserer amerikanischen Partnerkirche sind, die sich jetzt der willkürlichen Gewalt mutig entgegenstellen.
Nie wieder ist jetzt - wenn wir rechtzeitig Stopp sagen.