Ein Mann steht im Vordergrund und schaut direkt in die Kamera. Er trägt einen schwarzen Anzug mit einem weißen Hemd. Im Hintergrund sind unscharfe städtische Gebäude und ein Turm sichtbar. Der Himmel ist bewölkt.
12.09
2026
08:40
Uhr

Zuhören

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

in acht Tagen wählt Berlin. Und das ist auf jeden Fall richtig und wichtig, weil Wahlen eins der Herzstücke der Demokratie sind. So haben wir in dieser Woche ein ökumenisches Wahlforum der Kirchen veranstaltet, bei dem die Spitzenkandidatin und -kandidaten der demokratischen Parteien Rede und Antwort gestanden haben. Es war ein spannendes Forum: Es wurde kräftig aber fair gestritten – sachorientiert, zu Themen, die die Menschen in der Stadt umtreiben. Es ging um Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, soziales Engagement, Jugendhilfe und Religionsunterricht. Im vollen Saal ging es hoch her, gut so. Meinungswettstreit ist das Wesen demokratischer Kultur, nicht Populismus. Nur wo der Wille zur sachlichen Problemlösung im Vordergrund steht, werden tatsächlich Menschlichkeit und Miteinander gestärkt. 

Dass das alles in aufwühlenden Zeiten geschieht, ist spätestens seit der Wahl in Sachsen-Anhalt überdeutlich. Was ist bei diesem Ringen um Demokratie und Zusammenhalt nun Aufgabe der Kirche? Ich denke zweierlei. Erstens: Ein wirkliches Hinhören. Ich weiß, das sagt sich leicht. Mehrheitlich fühlen sich so Viele ungehört, überhört, abgehängt. Da gilt es als erstes und unbedingt ernsthaft hinzuhören. Den Raum dafür zu geben. Sehr genau nachzufragen auch. Was macht Angst. Woher die Wut. Was ist verloren gegangen in den letzten Jahrzehnten, wo haben wir uns etwas vorgemacht. Begegnungsorte in einer immer mehr im digitalen Raum stattfindenden Kultur sind weniger geworden. Die Kirchen sind solche analogen Begegnungsorte. 

Dazu gehört dann ein zweites: Die Kirche ist zugleich ein Ort, an dem im Namen des Evangeliums, also der Botschaft Jesu Christi, geredet und gehandelt wird. Das bedeutet, dass ein besonderes Auge auf die fällt, die sich im Anwachsen des extremistischen Rechtspopulismus bedroht fühlen, in ihrer Existenz und in ihrer Seele. Das sind nicht wenige, nicht zuletzt Migrantinnen und Migranten, Menschen, die auf Inklusion angewiesen sind, oder auch Queer Liebende und Lebende. Die Botschaft im Raum der Kirche heißt da in aller Klarheit: Es ist gut, dass Ihr da seid – so wie ihr seid. Jesus ist da, wo Menschen an den Rand gedrängt werden. Menschenfeindlichkeit hat bei uns weder Raum noch Podium. Zuletzt: Zuhören und selber reden gehören zusammen. Beides geht nicht gleichzeitig, schon ganz praktisch nicht. Auch das gehört also zu unserer Aufgabe, in diesen Zeiten besonders: Spüren, was wann dran ist. Dieses Gespür scheint manchmal verloren gegangen. Wir senden viel: zuerst die eigene Meinung, sind gleichsam irgendwie immerzu auf Sendung, Inhalt sind selten andere. Hör auf, möchte ich manchmal sagen – und zwar in der Doppeldeutigkeit der Worte: Hör auf, dich nur um dich zu drehen. Und hör auf Gottes Liebe. Das ist die beste Zeitenwende.