Gott gib uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für dein Wort.
Liebe Gemeinde,
„es war einmal ein reicher Mann, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: "Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein." Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.“
So beginnt eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm: „Aschenputtel“
Aschenputtel muss viel einstecken: eine willkürliche, grausame Stiefmutter und garstige Stiefschwestern, viel Arbeit und Ausbeutung, aber auch Herabsetzung und Diskriminierung schlägt ihr entgegen. Und Aschenputtel? Von Aschenputtel heißt es immer wieder: Sie blieb „fromm und gut“, sie begehrt nicht auf, äußert keine Widerworte, leistet keinen offensichtlichen Widerstand und findet doch ihren ganz eigenen Weg. Mit Hilfe der zwei Täubchen vom Grab der Mutter, Boten Gottes und Unterstützer durch alle Widrigkeiten hindurch.
Und auf die sorgenvolle Frage meiner Kinder „geht es auch gut aus?“ – kann ich bei Märchen immer beruhigend antworten: „Ja, es geht gut aus.“ Immer. Weil es so sein muss. Weil nur so die Welt in Ordnung ist.
Jetzt werden vielleicht einige von Ihnen den Kopf schütteln über so viel Weltfremdheit und sagen: „Das ist ja auch ein Märchen! Das echte Leben ist lange nicht so. Das ist oft hart und ungerecht und gut sein lohnt ganz oft gar nicht.“
Das mag sein. Das will ich auch gar nicht bestreiten. Heute ist unser Blick auf diese Märchen ein anderer. Und doch fasziniert mich an Aschenputtel noch etwas. Sie lässt sich nicht vom Bösen bestimmen. Sie wird schlecht behandelt, aber sie wird selbst nicht böse.
Paulus setzt sich ebenfalls mit dieser Frage auseinander.
In einen Brief an Menschen – Christinnen und Christen in Rom – die er gar nicht kennt.
Von denen er nur gehört hat, die er besuchen fahren möchte.
Das nimmt er zum Anlass eine allgemeine christliche Ethik zu entwickeln: wie lebe ich gut und richtig als Christ in einer Welt, die von Gott nichts weiß und oft auch nichts wissen will
Viele Seiten schreibt er auf Altgriechisch, damalige Weltsprache wie bei uns heute Englisch.
17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.
Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt,
so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben,
sondern gebt Raum dem Zorn Gottes;
denn es steht geschrieben:
»Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.«
20 Vielmehr,
»wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen;
dürstet ihn, so gib ihm zu trinken.
Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln«
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Und da sind wir wieder bei Aschenputtel:
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösen. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“
Ob sich Aschenputtel auf die Zunge gebissen hat, um den Kommentar runterzuschlucken, wenn sie ihre Steifschwestern frisieren musste, zurechtmachen für den Ball und diese sich währenddessen lustig machten über ihre eigene Kleidung, die groben Holzpantinen, die man es gesteckt hat, die Haare, in denen die Ascheflocken hingen?
Ob sie gefragt hat, im Stillen, im Gebet: „Gott warum?“
Heute schauen wir kritisch auf die Frauenbilder, die auch in den Märchen stecken.
Sehen patriarchalische Machtstrukturen. Mädchen sollen brav und gehorsam sein, sich unterordnen und fleißig sein.
Und ja, solche Bilder und Rollenvorstellungen transportieren Märchen auch. Nicht nur Märchen.
Aber ich denke, darum geht es erst in zweiter Linie.
In erster Linie geht es auch bei Aschenputtel darum, was Paulus im Römerbrief geschrieben hat.
Und Paulus hat alle gemeint und adressiert: egal welches Geschlecht, egal welche soziale Herkunft, egal mit welchem religiösen Vorwissen:
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösen. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“
Als Grundhaltung allen Menschen gegenüber. Als Versuch, in die Welt, die so ist wie ist, nicht noch mehr Hass und Streit zu bringen, sondern Freundlichkeit und Zugewandtheit.
So wie Aschenputtel.
Und mit der tiefsten Überzeugung, so lese und verstehe ich Paulus, dass es nicht an uns Menschen ist, laut und gewaltig zu sein, sondern dies Gott zu überlassen. „Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr“.
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösen. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“
Wenn ich ehrlich bin, macht mich das unzufrieden.
Ich habe den Eindruck, ich werde vertröstet. Mit so einer Haltung kommt man nicht gut durchs Leben, die Gefahr ist groß als Fußabtreter von allen benutzt zu werden. Weil gut sein oft damit verwechselt wird, anderen gefallen zu wollen und es anderen recht machen zu wollen.
Doch genau darum geht es, meiner Meinung nach, Paulus nicht.
Nicht die Meinung anderer Menschen zählt, nicht anderen gefallen wollen ist wichtig.
Und da liegt der Unterschied zu Aschenputtel.
Sie muss gefallen, sich anpassen „um des lieben Friedens willen“ und weil sie abhängig ist von einem kranken, destruktiven System.
Ich kann frei leben und – so verstehe ich Paulus – und habe es, weil ich ein von Gott geliebter und angenommener Mensch bin, gar nicht nötig mit Hass, Streit und Gewalt zu antworten.
„Auf Gutes bedacht sein gegenüber jedermann“ heißt durchaus auch klar zu sein. Grenzen zu ziehen, nein zu sagen, Aufgaben und Dinge abzulehnen, wenn ich davon überzeugt bin, dass es nicht dem Guten dient, weder anderen noch mir.
Den anderen mit Liebe begegnen. Ihn nicht klein machen, mich nicht über ihn erheben, sondern erstmal anzuerkennen: „Auch du bist ein von Gott gewollter und geliebter Mensch, auch wenn du so ganz anders denkst und tickst und handelst als ich und es mir unheimlich schwer fällt mit dir zurecht zukommen und dir freundlich zu begegnen.“ Und vielleicht ist da auch wieder dieses alte Wort: barmherzig. Barmherzig zu sein mit dem anderen, und mit sich selbst.
Das bedeutet für mich dieser Vers aus dem Römerbrief: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösen. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“
Dass es Momente und Menschen gibt, wo ich kläglich an diesem Anspruch scheitere, ist mir bewusst.
Aber ist das ein Grund es gar nicht erst zu versuchen?
Paulus scheint das nicht zu glauben. Denn er fügt einen zweiten Gedanken hinzu:
„18Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“
Und ich kann sie förmlich schon sehen, vor meinem inneren Auge und in mir selbst, die Stimmen, die milde lächeln, mich anschauen, als wäre ich ein bisschen doof, tief Luft holen und mit „Ja, aber – die anderen!“
Genau da setzt Paulus an. Nicht bei den anderen. Bei mir. „Soviel an euch liegt.“ Ich bin für mich selbst verantwortlich – mit allen Konsequenzen, für mein Denken und Handeln.
Und damit, so verstehe ich Paulus, muss ich auch anfangen. Und nicht mit den anderen.
Die liegen nämlich sowieso nicht in meinem Einflussbereich.
Und dann Frieden.
In der Familie, im eigenen Dorf, im Land, in der Gesellschaft, auf der Welt….
Könnte er gelingen, wenn Menschen weniger so sind wie kleine Kinder im Kindergarten, die sich im Sandkasten mit Schippen prügeln und dabei rufen, „der da hat aber angefangen“ und „die da ist schuld!“, sondern dadurch, dass einer anfängt. Dass einer nicht zurückschlägt. Dass einer den ersten Schritt macht. Dass einer anerkennt: Auch der andere ist ein Mensch, von Gott gewollt und geliebt.
Und auch wenn ich es unbefriedigend finde, weil es keine einfache, keine leichte Antwort gibt, denke ich, dass in diesem Satz viel Wahrheit liegt:
„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“
„Ist’s möglich“ – Paulus Idee ist klein.
Fang bei dir an. Tu das Gute, das dir möglich ist. Halte Frieden, soweit es an dir liegt.
Mehr nicht. Aber eben auch nicht weniger. „So habt mit allen Menschen Frieden“ – ohne mich und meine Ansichten klein zu machen, heißt dass doch auch: ich muss nicht immer recht haben, ich muss nicht immer gewinnen. Ich kann anerkennen, dass es unterschiedliche Meinungen gibt und mehrere Siegerinnen oder nur Verlierer, dass wir Menschen so fürchterlich verschieden sind, dass es manchmal gar nicht zum aushalten ist und dass das schwer ist für mich.
Aber auch, dass zum Frieden immer mehr als einer gehört, Schließlich kann ich mir alleine nicht die Hand reichen. Aber eine muss anfangen. Und statt zu sagen: „Der klügere gibt nach“, will ich sagen: „Ich lasse mich nicht vom bösen überwinden, sondern überwinde das böse mit gutem“
ein bisschen so wie Aschenputtel. Nicht als gehorsames Mädchen. Nicht als Fußabtreter.
Sondern als Mensch, der sich das Herz nicht verbittern lässt. Mit Gott auf meiner Seite: weil es so sein muss, weil nur so die Welt in Ordnung kommen kann, zumindest so weit, dass wir auf ihr gemeinsam leben können.
Und fromm und gut sein wie Aschenputtel – und darin keine Schwäche, keine Unterordnung, sondern wahre Stärke sehen und eine Gottesgabe sehen.
Zwei Täubchen hätte ich auch gern. Schließlich sind sie das bekannteste Zeichen für den Frieden.
Sie sollen mich erinnern, an den Frieden, den ich so herbeisehne, so dringend brauche und doch oft das Gefühl habe: ich vermag gar nichts.
Paulus gibt mit seinen Worten Handwerkszeug „Vergeltet niemandem Böses mit Bösen. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.“, daran will ich mich halten. Es immer wieder versuchen. Menschen finden, die es mit mir gemeinsam wagen. Egal ob mit Täubchen oder ohne, aber mit Gott an unserer Seite. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.