Heute vor 215 Jahren stand München Kopf. Am 12. Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig Prinzessin Therese, und die ganze Stadt war eingeladen: 5 Tage Party mit einem großen Pferderennen zum krönenden Abschluss auf einer Wiese etwas außerhalb der Stadt, der heutigen Theresienwiese. Aus der einmaligen Hochzeitsfeier wurde eine Tradition – das Münchner Oktoberfest. Bemerkenswert: Nur wenige Male in über zweihundert Jahren fiel es aus – wegen Kriegen, wegen Seuchen. Ansonsten hat man immer weitergefeiert, komme, was wolle. Als hätte die Freude einen eigenen Überlebenswillen.
Ich frage mich: Wie oft lassen wir eigentlich Anlässe zum Feiern verstreichen, weil wir sie nicht wichtig genug nehmen oder wir uns nicht die Zeit nehmen? Dabei bräuchte es dafür oft nicht viel mehr als eine bewusste Entscheidung. Auch Kleinigkeiten lohnen sich, zu feiern: Ein schwieriges Gespräch, das geglückt ist, ein Wiedersehen oder den Tag des Kennenlernens. Feiern tut gut. Es unterbricht den Alltag und erinnert uns daran, dass das Leben mehr ist, als Pflichten abzuarbeiten. Im Gegenteil: Wenn man auch kleinen Anlässen Raum lässt, wird es ja mehr und mehr zu einer Aneinanderreihung von Highlights. Vielleicht ist Feiern manchmal sogar ein kleiner Akt des Widerstands gegen ein Leben, das nur noch funktionieren soll.
Auch die Bibel kennt das Feiern als etwas Heiliges. Jesu erstes öffentliches Wunder findet nicht in einer Synagoge statt, sondern auf einer Hochzeit: Er verwandelt Wasser in Wein, als der Vorrat ausgeht – und rettet damit ein Fest. Offenbar war ihm daran gelegen, dass die Freude weitergeht, und zwar reichlich: Es sind, so erzählt es die Bibel, mehrere hundert Liter Wein, die da plötzlich zur Verfügung stehen.
Vielleicht ist ja heute ein guter Tag, um einen Grund zum Feiern zu finden – und sei er noch so klein. Man muss nicht auf die große Hochzeit warten, um zu spüren: Das Leben darf gefeiert werden.