Wir haben unser altes Klavier verkauft. Viele Jahre hat es uns begleitet, war Musikinstrument und schönes Möbelstück zugleich, ein vertrauter Mittelpunkt in unserem Wohnzimmer – aber es nahm viel Raum ein.
Gemeinsam mit meinen inzwischen erwachsenen Kindern habe ich damit das Klavierspielen gelernt.
Es gab diese eine Stelle, die immer wieder geübt wurde, bis sie endlich saß – und davor das Holpern und Stolpern, das einem manchmal bis in die Magengrube ging. Und doch: viele schöne Stunden hat uns dieses Klavier geschenkt, denn die Kinder wurden virtuoser und es machte große Freude, ihnen zuzuhören.
„Was, du willst das Klavier verkaufen? Das willst du wirklich machen?“
Der Ausruf meiner Kinder klingt mir noch heute in den Ohren.
Nun aber ist es ausgezogen – so wie unsere Kinder auch. Es wohnt jetzt in einem Ferienhaus auf Rügen und hat uns sogar ein letztes Lebewohl-Foto geschickt, beziehungsweise schicken lassen: von den Menschen, die es in einem großen Kraftakt aus unserem Haus getragen haben.
Loslassen, Erinnerungen, die bleiben, Wehmut über die vergangene Zeit, Dankbarkeit - ein ganzes Gefühlskarussell hat dieser Verkauf in mir ausgelöst.
Inzwischen habe ich ein neues Klavier. Ein elektrisches. Viel kleiner.
Und auf Knopfdruck kann es auch eine Gitarre sein, ein Vibraphon, eine Orgel – oder eines von dreißig anderen Instrumenten.
Ich bin begeistert. Und ich kann üben, wann immer ich mag, denn es lassen sich ganz einfach Kopfhörer einstöpseln.
Ich merke: Das Loslassen hat sich gelohnt. So wie es im Leben immer wieder lohnenswert ist, auch mal Altes über Bord zu werfen, Neues zu beginnen und sich überraschen zu lassen.
„Siehe, ich mache alles neu.“
Dieser Satz aus der Bibel geht mir dabei durch den Kopf. Und ich stelle mir Gott vor wie jemanden, der behutsam sortiert, loslässt und Neues wachsen lässt.
Jeden Morgen beginnt ein neuer Tag. Und jeder Tag bringt diese Möglichkeit mit sich: Altes loszulassen und Neues auszuprobieren.
Ich wünsche uns allen viel Freude dabei.