Neulich durfte ich einen Blick in das Schlafzimmer einer guten Freundin werfen. Über ihrem Bett hing ein Zitat, wie früher bei meiner Großmutter das Vaterunser. Hier standen „Gute Vorsätze“, statt eines Gebets. Um den Text zu lesen, musste ich näher ran treten und beim Lesen lief es mir kalt den Rücken runter:
„Morgen“, sage ich „morgen“!
„Übermorgen!“, sogar.
Bald ist das Leben vorüber,
ohne das „morgen“ je war.
Ich fühlte mich ertappt. Oft genug beim Einschlafen denke ich genau das: morgen schaffst du das, morgen packst du das an, spätestens übermorgen beginnst du damit.
Offensichtlich bin ich mit diesen guten Vorsätzen am Abend nicht allein. Und auch der Spruch war nicht der einzige in jenem Schlafzimmer. Am Fußende des Bettes, man konnte es am besten lesen, wenn man drin lag, stand noch einer geschrieben:
Dankes voll am letzten Licht sich labend,
lobt der Mensch des Tags erst wohl am Abend.
Das will ich in Zukunft tun, dankbar zurückblicken, statt immer nur zögerlich voraus.
Gute Nacht und schlafen Sie gut.
Quelle: Mascha Kaléko: Sei klug und halte dich an Wunder. Gedanken über das Leben, dtv 52015, S. 86 + 87