01.09
2026
06:50
Uhr

Das gefährliche Schweigen

Gewalt an Frauen stoppen

Ein Beitrag von Johannes Rogge

Halb sieben am Montagmorgen, die ersten Notrufe. In Erkner, Endstation der S3, stirbt eine Frau auf offener Straße. 24 Jahre alt. Kurz darauf wird ein Mann gefasst, er ist 29 Jahre alt; die beiden sollen sich gekannt haben. 

Fünf Kilometer weiter, in Gosen-Neu Zittau, sind vor wenigen Tagen an einer Schule zwei Menschen getötet worden: eine Schülerin, 18 Jahre alt – nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Ex-Freundin des Tatverdächtigen. Und ein Erzieher, der ihr helfen wollte. 

Ich habe dafür keine Worte. Aber ich merke: Sprachlosigkeit ist bequem. Denn wer schweigt, muss nichts benennen. 

Also benenne ich es. Was in Erkner geschehen ist, wird noch untersucht. Aber ich sehe ein Muster, und ich will es nicht mehr länger übersehen. Zuletzt hat das Bundeskriminalamt  308 getötete Frauen und Mädchen gezählt. In einem Jahr. Fast jeden Tag eine. Und jeden dritten Tag war der Täter ihr Partner oder ihr Ex. Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem. Und ein Problem unserer ganzen Gesellschaft, das wir nicht länger kleinreden dürfen. 

Und so denke ich heute besonders an die Frauen, die selbst Gewalt in einer Beziehung erlebt haben. Solche Nachrichten reißen Wunden auf: die alte Angst, die Ohnmacht, das Gefühl, dass einem nicht geglaubt wird. Ihnen gehört heute unser Zuhören. 

An der Schule in Gosen war auch die kirchliche Notfallseelsorge vor Ort. Sie hat nichts erklärt. Sie war da. Sie hat mit ausgehalten, was nicht auszuhalten ist. Das halte ich für eine Kernaufgabe von Kirche. 

Ich habe keine Antwort auf das Warum. Und ich glaube auch nicht, dass es eine gibt. Was ich glaube ist: Gott steht auf der Seite der Opfer. Und er hält mit aus. 

Alles andere liegt bei uns. Hinschauen. Denen glauben, die von Gewalt erzählen. Frauenhäuser finanzieren. Widersprechen, wenn ein Mann über eine Frau redet, als sei sie sein Besitz.

Und wer selbst Gewalt erlebt – Sie sind nicht allein! Das Hilfetelefon ist Tag und Nacht erreichbar unter der 116 016. 

So bete ich an diesem Morgen: Gott, ich lege die Toten in deine Hände. Die Verletzten an Leib und Seele. Die Angehörigen. Sei da, wo wir nichts mehr sagen können. Und mach uns zu Menschen, die nicht wegsehen. Amen. 
 

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