Eine Stolpersteintafel erinnert an Dr. Edith Stein, geboren 1891. Sie flüchtete 1938 nach Holland, wurde 1942 im Lager Westerbork interniert und in Auschwitz ermordet. Die Tafel markiert den Ort, wo sie einst lebte.
09.08
2025
06:50
Uhr

Die Kunst des Einfühlens

Edith Steins Vermächtnis der Empathie

Ein Beitrag von Magdalena Kiess

Eine Philosophin, die Jüdin war, dann Christin wurde und schließlich als Karmelitin im KZ starb – das Leben der Edith Stein liest sich wie ein Drama in drei Akten. Heute ist ihr Gedenktag. Und was sie uns lehrt, ist brandaktuell.

Ihre Doktorarbeit schrieb sie 1916 über das, was wir heute als „Empathie" bezeichnen. Mitten im Ersten Weltkrieg, umgeben von Hass und Gewalt, forschte sie über die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen. Für sie war Empathie nicht bloß Mitgefühl, sondern ein echtes Eintauchen in die Welt eines anderen – ohne sich selbst hineinzuprojizieren. Kein schnelles „Ich weiß genau, wie du dich fühlst", sondern: „Ich versuche, dich zu verstehen – als dich."

Das war und ist revolutionär. Denn die meiste Zeit tun wir genau das Gegenteil: Wir projizieren unsere eigenen Gefühle, Ängste und Erfahrungen auf andere. Echte Empathie aber bedeutet: Den anderen in seinem Anderssein zu sehen und zu achten. Nicht meine Brille aufsetzen, sondern durch seine Augen schauen lernen. Das erfordert Mut – den Mut, die eigene Perspektive loszulassen.

Das ist auch geistlich hochinteressant. Denn Gottes Weg mit uns ist einer der Einfühlung: Menschwerdung, Nähe, konkrete Erfahrung. In Jesus wird Gott Mensch, um uns von innen heraus zu kennen und zu verstehen. Nicht von oben herab, sondern mittendrin. Er teilt unsere Freuden und Leiden, unsere Versuchungen und Ängste. Das ist göttliche Empathie in Reinform.

Heute erinnern wir uns an Edith Stein – ermordet in Auschwitz, weil sie Jüdin war. Und trotzdem: Bis zuletzt war sie ein Zeugnis für Versöhnung und geistige Tiefe. In ihren letzten Briefen schrieb sie von Frieden, nicht von Hass. Sie hat gezeigt, dass man verschiedene Welten in sich vereinen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Und dass echtes Verstehen möglich ist, wenn wir aufhören, uns selbst im anderen zu suchen.

Vielleicht ist der Impuls heute ganz einfach: Statt sofort zu antworten – erst zuhören. Statt zu urteilen – erst verstehen wollen. Den anderen sehen, wie Gott ihn sieht: einzigartig, wertvoll, anders als ich. In einer Welt voller Spaltungen könnte das der Anfang von Heilung sein.