Der 13. September 1964 ist ein besonderer Tag in Ost-Berlin. Seit gut drei Jahren steht die Mauer. Viele Menschen sind getrennt von Familie und Freunden, fühlen sich isoliert in der Welt, ohnmächtig. Doch dann verbreitet es sich wie ein Lauffeuer: Der weltbekannte amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King kommt zu uns! Die Marienkirche in Berlin-Mitte wie auch später die Sophienkirche sind völlig überfüllt. Und King gibt den Menschen Trost: „Auf beiden Seiten der Mauer leben Gottes Kinder, und keine durch Menschenhand gemachte Grenze kann diese Tatsache auslöschen.“
Martin Luther King weiß genau, wo von er redet: Anfang der 1960er Jahre ist Trennung der in den USA so genannten „Rassen“ Realität: Schwarze Menschen haben kaum Rechte. Sie müssen schlechte Schulen besuchen, im Bus für Weiße aufstehen und im Restaurant am Katzentisch essen, leiden unter willkürlicher Polizeigewalt. Mit seinem Marsch auf Washington, untergehakt mit einer Viertelmillion Menschen, wird Pastor Martin Luther King weltberühmt. Und mit seinem Satz: „I have a dream.“ – ich habe einen Traum… Ein Jahr später wird die Rassentrennung offiziell aufgehoben.
Und dennoch: Der Kampf für Bürgerrechte ist nicht die Mitte von Kings Leben. Seine Mitte ist: Jesus Christus. Nicht nur als religiöse Figur, sondern als wichtigste moralische Instanz. King glaubt daran, dass echte gesellschaftliche Veränderung erst durch Nächstenliebe geschieht. Nächstenliebe - sogar für den Feind, so wie Jesus es gesagt hat. Viele Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung sind in Kirchen organisiert. Hier versammeln sie sich, geben sich gegenseitig Hoffnung. Und hier ist Raum, Kraft zu tanken bei ihrem Gott. Auch bei den Demonstrationen sind religiöse Lieder und Bibeltexte immer dabei.
Die gewaltlose Bürgerrechtsbewegung ist tatsächlich erfolgreich. Doch Martin Luther King selbst wird im April 1968 erschossen - von einem weißen Rassisten. King war wohl immer bewusst, dass sein Leben in Gefahr war. Doch er ging das Risiko ein. Denn seine moralische Mitte war stärker als die Angst: Jesus von Nazareth.