Früher gehörten Gerichtsshows zum Nachmittagsprogramm im Privatfernsehen. Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Hold, aufgeregte Zeuginnen und Zeugen, dramatische Wendung am Ende, dann wusste man, wer schuldig war. Ich fand das faszinierend: Gericht, das schien damals vor allem eines zu sein: ziemlich viel Drama und ziemlich schnelle Urteile.
Heute sitze ich selber regelmäßig in einem Gerichtssaal – als sogenannte Laienrichterin, als Schöffin. Zusammen mit einem Berufsrichter und einer Mitschöffin entscheide ich über Fälle, bei denen es um Menschen und ihre Lebensgeschichten geht. Und natürlich ist die Wirklichkeit sehr viel weniger spektakulär als im Fernsehen. Vor allem aber ist sie komplizierter. Da sitzen keine Laienschauspieler, sondern Menschen mit ihren ganz individuellen Geschichten, Entscheidungen, ihren Fehlern. Und es gibt dabei selten den einen Moment, nach dem alles eindeutig ist.
Als Schöffin lerne ich immer wieder, wie wichtig es ist, genau hinzusehen. Genau zuzuhören, bevor man urteilt. Unterschiedliche Perspektiven auszuhalten. Sich ein eigenes Bild zu machen und dabei nicht zu vergessen, dass hinter jeder Akte ein Mensch steht. Das ist manchmal anstrengend. Vor allem ist es eine große Verantwortung, denn ein Urteil kann das Leben eines Menschen verändern.
Bei den kommenden Wahlen in Berlin werden Menschen darüber entscheiden, wem sie zutrauen, Verantwortung für die Stadt zu übernehmen. Gerade in großen Städten kennen wir die Kandidierenden selten genau und persönlich. Wir kennen bestenfalls ihre Programme, ihre öffentlichen Auftritte und Positionen. Wir hören Versprechen und Debatten. Auch hierbei gilt: Die Wirklichkeit ist komplizierter als das Fernsehen.
Demokratie lebt deshalb nicht nur davon, dass wir wählen. Sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – für andere und für das Gemeinwohl. Oft neben Beruf und Familie.
In der Bibel beim Propheten Micha heißt es: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“
Das wäre ein tolles Schlusswort für jede Verhandlung: Recht tun. Güte lieben. Achtsam sein.
Wir haben die Möglichkeit mitzuentscheiden, wie wir miteinander leben wollen – und Verantwortung dafür zu übernehmen.