Meine Sommer habe ich früher ganz oft bei meiner Oma verbracht, die hat nicht in Berlin gewohnt, sondern ganz im Süden Deutschlands. Nah am Bodensee. Wie sehr habe ich die Sommer bei ihr geliebt. Die Zeit zusammen, so voller Liebe, Erdbeeren und schwäbischer Seelen zum Frühstück. Tagsüber stromerte ich oft durch den verwunschenen Garten bei meiner Oma und träumte mich in ferne Lande oder in meine Fantasiewelt. Und jeden Abend brachte sie mich ins Bett mit diesem Schlaflied:
Guten Abend, gute Nacht,
mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt,
schlupf unter die Deck’:
Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.
Die Näglein in dem Lied sollen keine wirklichen Näglein sein, so meint diese altertümliche Sprache eigentlich Gewürznelken, die durch ihre ätherischen Öle als heilend empfunden wurden. Aber viel wichtiger war mir die zweite Strophe, die heute oft vergessen wird:
Guten Abend, gut’ Nacht,
von Englein bewacht,
die zeigen im Traum
dir Christkindleins Baum.
Schlaf nun selig und süß,
schau im Traum’s Paradies.
Mir gab dieses Lied ein wunderbar wohliges und beschütztes Gefühl der Aufgehobenheit. Und so gebe ich es Ihnen für heute Abend zusammen mit Gottes Segen.
Aus: Brentano, Clemens / von Arnim, Achim (Hg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Heidelberg: Mohr und Zimmer, 1805–1808.