Dieses Jahr im Dezember jährt sich der 100. Todestag des berühmten Lyrikers und Erzählers Rainer Maria Rilke. Ich frage mich oft, wie er Gedichte mit solchen Wortschöpfungen schreiben konnte, die bis heute immer wieder Menschen in ihren Bann ziehen. Offensichtlich hatte er die Gabe Erlebnisse, Empfindungen, Gedanken und innere Bilder so in Worte zu fassen, dass wir uns darin wiederfinden können. Heute möchte ich Ihnen ein Gedicht von ihm vortragen, das den Titel „Zum Einschlafen zu sagen“ trägt. Und schon dies klingt wie eine Einladung, zur Ruhe zu kommen. Ich möchte jemanden einsingen, bei jemandem sitzen und sein. Ich möchte dich wiegen und kleinsingen und begleiten schlafaus und schlafein. Ich möchte der Einzige sein im Haus, der wüßte: die Nacht war kalt. Und möchte horchen herein und hinaus in dich, in die Welt, in den Wald. Die Uhren rufen sich schlagend an, und man sieht der Zeit auf den Grund. Und unten geht noch ein fremder Mann und stört einen fremden Hund. Dahinter wird Stille. Ich habe groß die Augen auf dich gelegt; und sie halten dich sanft und lassen dich los, wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt. Eine gute Nacht.
Zitat: Rainer Maria Rilke „Ausgewählte Werke“ Erster Band, Gedichte. MCMXXXVIII, im Insel-Verlag, Leipzig, herausgegeben vom Rilke-Archiv in Weimar (39 Sekunden)