Zwei Personen schütteln sich die Hände über einem Tisch. Eine Person im Vordergrund hat eine dunkle Jacke und trägt ringen, während die andere Person im Hintergrund aufmerksam zusieht und elegant gekleidet ist. Auf dem Tisch steht eine Tasse und einige Unterlagen.
03.11
2026
06:50
Uhr

Widerstand durch demonstrative Güte

Die Bergpredigt

Ein Beitrag von Friederike Krippner
Dies ist eine Sendung aus der Staffel vom 02. – 08. November Alle Beiträge aus der Staffel finden sie hier:
Eine Person sitzt auf einem Stuhl, mit angezogenen Knien und Kopf auf den Armen. Sie wirkt nachdenklich oder traurig, umgeben von einem schlichten, hellen Raum mit zwei Fenstern, die Licht spenden. Der Boden ist aus Beton und die Atmosphäre wirkt isoliert.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Widerstand gegen Aufgaben

Friederike Krippner
Drei Frauen stehen Rücken an Rücken, tragen schwarze Oberteile und Jeans. Ihre Arme sind hinter dem Rücken verschränkt, wobei sie mit ihren Händen einen spielerischen Ausdruck zeigen. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Freundschaft und Zusammengehörigkeit.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Sisterhood als Widerstand

Friederike Krippner
Eine schwarze Frau sitzt allein auf einem Busplatz, nachdenklich aus dem Fenster schauend. Neben ihr sitzt ein Mann im Anzug, der in die entgegengesetzte Richtung blickt. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Spannungen und sozialer Trennung.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Sitzen bleiben als Widerstand

Friederike Krippner
Ein Mann steht mit dem Rücken zur Kamera und hält sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er scheint in einem Moment der Verzweiflung oder Traurigkeit zu sein. Der Hintergrund ist dunkel, was die emotionale Intensität der Szene verstärkt.
Radio 3
Worte auf den Weg / Worte für den Tag

Widerstand als Klage

Friederike Krippner

„Mit Freundlichkeit überraschen.“ Das war das Credo meiner früheren Arbeitskollegin Hanna. Und sie konnte das wirklich unheimlich gut. Der Kollege, der meckerte; die laut zeternde Fahrradfahrerin, die fand, Hanna sei ihr im Weg; der sich vordrängelnde Mann an der Kasse, der sie regelrecht zur Seite schubste – ihnen allen begegnete Hanna immer mit großer Freundlichkeit. 

Den meckernden Kollegen fragte sie, ob sie ihm helfen könne. Bei der Fahrradfahrerin entschuldigte sie sich, obwohl sie gar nichts Falsches getan hatte. Und sie ließ dem Mann an der Kasse mit netten Worten den Vortritt. 

Man kann Hannas Verhalten als Schwäche deuten. Muss man sich nicht wehren, wenn man zu Unrecht angemeckert wird? Wer würde seinem Kind beibringen, sich für etwas zu entschuldigen, was es gar nicht getan hat? Und sollten nicht gerade Frauen den Mund aufmachen, wenn sie so angegangen werden? 

„Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin; und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd!“[1] Das sagt Jesus in der Bergpredigt und schlägt damit ein Vorgehen vor, das so ganz anders als die Gesetze seiner Zeit ist. Man kann das leicht missverstehen als Aufforderung, Unrecht nicht zu ahnden. Das hätte furchtbare Konsequenzen: Was für eine Welt, in der Menschen, die Gewalt anwenden, alles und sogar noch mehr kriegen als das, was sie sich nehmen. Das Recht des Stärkeren als Maßstab menschlichen Zusammenlebens? 

Aber das will Jesus nicht. Er schlägt eine andere Reaktion vor, gerade mit dem Ziel, Gewalt zu mindern. Er setzt darauf, keine Gegengewalt anzuwenden, sondern stattdessen ein Verhalten, das die Erwartungen durchbricht: demonstrative Güte. Eine überraschende Freundlichkeit, die das Gegenüber zum Umdenken bringen kann. Widerstand also nicht durch Gewalt, sondern durch Güte.

Es ist keineswegs ein Naturgesetz, dass das funktioniert. Aber meine Arbeitskollegin Hanna hat mich gelehrt, dass es ernsthaft einen Versuch wert ist. Sehr häufig nämlich deeskalierte ihre Freundlichkeit angespannte Situationen auf wundersame Weise. 

Heute leitet Hanna ein Museum. Ich nehme an: Ebenso freundlich wie durchsetzungsstark.

 


[1] Die Bibel. Lutherbibel 2017. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2016, Lukas 6,29.