Ein Mann mit einem schwarzen T-Shirt lächelt vor einer braun-rot gemusterten Mauer. Er hat mittellange, strähnige Haare, die zu einem Schnitt mit Pony gestylt sind. Der Hintergrund hebt die freundliche Ausstrahlung des Mannes hervor.
10.09
2026
06:50
Uhr

Nicht ohne mein Engagement – Lukas Pellio

Studierendenpfarrer aus Cottbus vom Bündnis Sichere Orte Südbrandenburg

Ein Beitrag von Lukas Pellio

Ich stehe vor der Zelle79 - einem alternativen Wohnprojekt in Cottbus. In der Nacht wurden Brandsätze auf das bewohnte Haus geworfen. Nicht das erste Mal. Die Polizei ermittelt wegen versuchten Mordes und vermutet junge Rechtsextreme hinter der Anschlagsserie. Auch ich wurde an meinem Wohnort schon bedroht.

Wie schläft man ein, wenn man nachts Angst haben muss, zuhause angegriffen zu werden? Bin ich sicher, wenn ich mich still verhalte? Sollte ich mich verstecken? Ich habe entschieden, dass das kein Weg für mich ist.

Im Mai 2025 haben wir uns zusammengetan. 15 Häuser, Kultureinrichtungen, Jugendclubs und auch die Studierendengemeinde in Cottbus, deren Pfarrer ich bin, haben gemeinsam die “Initiative Sichere Orte Südbrandenburg” gegründet. Wir haben gelernt, dass wir Angriffe auf uns nicht immer verhindern können. Aber wir können uns entscheiden, wie wir damit umgehen: Jeder Angriff auf eine oder einen von uns, ist ein Angriff auf uns alle. Und so handeln wir auch:

Wir gehen gemeinsam an die Öffentlichkeit. Unterstützen uns bei Aufräumarbeiten und Reparaturen nach einem Angriff. Sammeln Spenden. Bringen den Betroffenen Schokolade vorbei oder kochen für sie. Wir machen Druck auf Politik und Polizei, uns besser zu schützen. Das tun wir direkt vor Ort.

Aber helfen kann man auch aus der Entfernung. Unserem Aufruf, Postkarten an die Angegriffenen zu schreiben, sind bisher 100erte Menschen gefolgt.

Auf einer Postkarte, die ich selber bekommen habe, steht: “Liebe ist systemrelevant.” Das macht mir Mut – ich bin nicht allein, mit dem, was mir passiert ist.

So war es auch nach dem Brandanschlag auf das Wohnprojekt in Cottbus: Keine 20h später waren Nachbar*innen, der Bürgermeister, rund 150 Menschen da. Sie sind dem Aufruf unserer Initiative gefolgt. Es gab Biertische, Pizza, Limo; ein Grill wurde aufgebaut. Wir waren nicht leise, sondern laut:

Am Megaphon eine Bewohnerin. Sie schildert, wie sie nachts von lautem Knall geweckt wurde; wie sie das Fenster aufgerissen hat; die Angreifer angeschrien hat: “Verschwindet!”; wie ein Angreifer in aller Seelenruhe den Molotowcocktail anzündet; ihn in ihre Richtung wirft. Da bricht ihre Erzählung ab. Betroffenheit und Unsicherheit bei uns. Stille. Bis jemand anstimmt: “Du bist nicht allein - du bist nicht allein.” Erst eine Stimme, dann immer mehr. So klingt Gemeinschaft: Du bist nicht allein - auf Dich kommt es an.