Ein riesiges, aufblasbares Nashorn steht in einem großen, gewölbten Raum mit hohen Säulen. Es ist weiß und hat eine charakteristische Form mit einem gebogenen Horn. Die Umgebung vermittelt eine beeindruckende, historische Atmosphäre.
27.06
2026
06:50
Uhr

Nashorn im Raum

Was lehrt das Nashorn über Macht, Wandel und das Erkennen unbequemer Wahrheiten in unseren Räumen?

Ein Beitrag von Carla Böhnstedt

Was für ein imposanter Anblick. Ich stehe unvermittelt einem überdimensionierten, weißen Nashorn gegenüber. Sagenhafte 9m hoch, 7m breit und 16m lang. Dass dieser Koloss im romanischen Kirchenschiff des ehemaligen Klosters Unser Lieben Frauen in Magdeburg steht, macht die Sache noch irritierender. Denn er blockiert Sichtachsen, verschiebt Proportionen und zwingt dazu, den vertrauten Raum neu wahrzunehmen. Schließlich füllt er den Raum nicht nur. Er dominiert ihn. 

Mich fasziniert die Ambivalenz, die es ausstrahlt: massiv und verletzlich, archaisch und bedroht, schwerfällig und sensibel. So kann es den Betrachter auf verschiedenen Ebenen zum Nachdenken anregen: 

In einer Zeit, in der demokratische Diskurse weltweit unter Druck geraten, Verschwörungserzählungen zirkulieren und Polarisierung den öffentlichen Raum prägt, steht das Nashorn des Künstlers Itamar Gov für all jene Wahrheiten, die sichtbar sind und doch verdrängt werden: soziale Kälte, politische Radikalisierung, Kriege, ökologische Krisen. Es scheint darauf hinzuweisen, wie leicht Menschen sich mit Ungeheuerlichem arrangieren. 

Aber auch zur aktuellen kirchlichen Situation sehe ich überraschende Parallelen, denn die Kirche erlebt gegenwärtig einen tiefgreifenden Umbruch: Mitgliederzahlen schrumpfen, die gesellschaftliche Relevanz verändert sich. So wird das Nashorn zum Symbol für Offensichtliches, das nicht ausgesprochen oder bearbeitet wird. Es provoziert, Fragen nach Macht und Erstarrung, Lebendigkeit und Wandlungsfähigkeit neu zu stellen und Kirche zeitgemäß zu gestalten.  

Auch in meinem Leben muss ich immer wieder reflektieren, wie ich Neues integriere und Überholtes beende, um persönliche Weiterentwicklung zu fördern. Das Nashorn stellt Platzfragen neu: Was beansprucht Kapazität, ohne noch Leben zu ermöglichen? Was verhindert neue Sichtweisen, weil es zu groß und behäbig geworden ist, um umgangen zu werden?

Welche „Nashörner“ stehen heute in unseren eigenen Räumen – und warum ignorieren wir sie so oft?