Was können Spinnen für meinen Gemütszustand? Das fragte ich mich als Kind so ähnlich, wenn meine Oma sagte: „Spinnen am Morgen bringt Kummer und Sorgen.“
Ich verstand überhaupt nicht, was die kleinen Krabbeltiere mit meinem Leben zu tun haben sollten. Erst als ich größer war, lernte ich von Oma, dass es nicht um die, sondern um das Spinnen geht. „Weißt du“, sagte sie, „das Sprichwort beschreibt das Leben jener Menschen als kummer- und sorgenvoll, die mit Spinnen von Wolle ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und deshalb schon früh am Tag damit beginnen.“ Sie erklärte auch, dass das Spinnen als abendlicher Zeitvertreib weniger problematisch ist: Spinnen am Abend, erquickend und labend.
Heute muss man diese Sprichwörter erklären. Früher verstand sie jeder. In dieser „früher“-Zeit, so im 17. Jahrhundert lebte auch ein dichtender Pfarrer, er hieß Paul Gerhardt.
Es war eine schwere Zeit. Europa versuchte sich von 30 Jahren Krieg zu erholen und viele Menschen mussten schon morgens spinnen oder andere harte Arbeit verrichten.
Viel Leid, Not und Tod hatten die Menschen gesehen, erleben, erlitten. Auch Paul Gerhardt hatte jung seine Frau verloren und vier seiner fünf Kinder waren verstorben.
Und trotzdem ziehen sich durch seine Lieder nicht Resignation und Bitterkeit, sondern Vertrauen. Er hielt bewundernswert fest am Glauben und vertraute darauf, dass Gott es gut meint und schützend an unserer Seite wirkt.
Davon zeugen seine zahlreichen Lieder, viele davon am Morgen zu singen, damals vielleicht am Spinnrad oder auf dem Feld, sicherlich nicht nur in der Kirche.
In seinem beeindruckenden Gotteslob, dem Choral „Lobet den Herren“ bittet er in der sechsten Strophe:
O treuer Hüter, / Brunnen aller Güter,
ach lass doch ferner über unser Leben
bei Tag und Nacht dein Huld und Güte schweben.
Lobet den Herren!
Mich berührt diese Bitte. Sie erwartet kein sorgenfreies Leben. Sie vertraut darauf, dass Gottes Güte über unserem Leben schwebt – an guten und an schweren Tagen.
Möge diese schwebende Huld und Güte Gottes an diesem Tage für Sie spürbar werden.