Umm Kulthum war eine berühmte ägyptische Sängerin. Sie wurde 1904 geboren und starb 1975. Ihre legendären Auftritte dauerten lange, ein einziges Lied konnte aufgrund der besonderen Interpretation der Ausnahme-Künstlerin bis zu einer Dreiviertelstunde dauern. Wenn Umm Kulthum im Radio sang, dann wurde es ruhig im ganzen Land, sogar in der geschäftigen Hauptstadt Kairo. Alle lauschten andächtig ihrer Musik – egal wie lang sie dauerte. Noch heute, am 1. Donnerstag im Monat spielen alle Radiostationen Ägyptens um 22 Uhr ihre Musik.
Umm Kulthum, die ägyptische Sängerin, war zwar talentiert, aber auch nicht sofort ein Superstar. Es brauchte Zeit, bis in Ägypten tatsächlich alle ihren Namen kannten und andächtig ihrer Stimme lauschten, wenn sie im Radio erklang. Neben Talent und Technik brauchte es also noch so manche Geheimzutat. Vielleicht so etwas wie einen göttlichen Funken. Etwas, das man nicht restlos erklären kann.
Ich mag diese Vorstellung, dass es plötzlich ruhig wird auf den Straßen und alle sich um das Radio oder den Fernseher versammeln und dieser einen Stimme lauschen, und zwar der Stimme einer Künstlerin wie Umm Kulthum. Unsere Welt ist so voller Polarisierungen, auf so vieles können wir uns gesellschaftlich nicht mehr einigen. Das gilt natürlich auch für die Musik: während die einen bei der Schlagerparade ins Schunkeln geraten, lassen sich andere von einem Bach-Oratorium ergreifen, während wieder andere erst bei einem Song des amerikanischen Popstars Taylor Swift Gänsehaut bekommen... Über Geschmack lässt sich ja bekanntlicherweise streiten.
Und doch sehne ich mich nach so einer Gemeinsamkeit nur für ein paar Minuten: so einer Stimme, wie die der ägyptischen Sängerin Umm Kulthum, die uns alle andächtig lauschen lässt und uns für einen Moment die Sorgen des Alltags vergessen lässt.
Die menschliche Stimme ist etwas Besonderes: wie ein Fingerabdruck ist sie einzigartig. Die sogenannte ‚Künstliche Intelligenz‘ kann zwar zunehmend besser menschliche Stimmen imitieren, trotzdem hoffe und glaube ich, dass es nicht möglich sein wird, das Lebendige und Imperfekte des Menschseins restlos zu kopieren. Dieser göttliche Funke ist, wenn ich so darüber nachdenke, nicht nur großen Künstlern vorbehalten. Den tragen wir alle in uns.