Wenn meine Oma zu Besuch kam, waren das besondere Tage. Oft wachte ich schon ganz früh auf und spähte durch das Schlüsselloch. Durch die Tür hörte meine Oma mich wohl und rief: „Du kannst ruhig reinkommen.“
Sofort öffnete ich die Tür und schlüpfte zu ihr unter die Decke. Dann saß ich am Fußende des Bettes, den Rücken an die Bettkante gelehnt, und schaute meine Oma mit großen, erwartungsvollen Augen an.
Sie wusste schon, was ich wollte.
„Erzähl mir eine Geschichte, Oma. Eine aus deiner Kindheit!“
Meine Oma erzählte, wie sie und ihre Geschwister ihr Kindermädchen geärgert hatten. Oder wie sie einen Hang hinuntergekullert waren und mit aufgeschürften Knien, aber lachend wieder nach Hause kamen.
Meine Oma war eine große Geschichtenerzählerin. Mit ihren Erzählungen öffnete sie mir eine Welt, die längst vergangen war und lebendig wurde, sobald sie zu sprechen begann. Ihre Geschichten waren für mich spannender als jedes Bilderbuch und haben mich wahrscheinlich auch zu einer Geschichtenerzählerin gemacht.
Nun aber ab ins Bett und eine gute Nacht mit Gottes Segen.