Kurz vor Weihnachten haben die Engel wieder Hochkonjunktur, auch bei mir. Viele Menschen glauben ja nicht zuletzt an Schutzengel. Und von Rainer Maria Rilke lernen wir, dass auch Engel Freiraum brauchen:
Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, –
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...
Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten, –
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten –
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.
Auch ich will sie loslassen, die Engel, damit sie in meinen Armen nicht verarmen, sondern tun können, wozu sie geschaffen sind: Uns die Botschaft Gottes überbringen, die da heißt: Fürchte dich nicht! Mit diesen Engelsworten wünsch ich uns allen eine gute Nacht.
Quelle: Rainer Maria Rilke: „Engellieder“. Gefunden am 15.11.2025 unter: https://www.deutschelyrik.de/engellieder.html