Mit der Höflichkeit ist das so eine Sache. Insbesondere, wenn es vielleicht gerade vorher Streit gab. Wenn dann einer der Streithähne dem oder der anderen auf einmal beim Verlassen des Raumes die Tür aufhält, dann kann das schnell als unaufrichtig, ja vielleicht sogar als zusätzliche Provokation interpretiert werden. Eine einfache Geste der Höflichkeit, die ihren Platz hat, obwohl der Höfliche im inneren auch noch einen Groll hegt.
Der Theologe Fulbert Steffensky hat genau diese Szene für sich einmal so beschrieben:
„In der Gebärde der Höflichkeit, die mir im Augenblick nicht aus dem Herzen kommt, spiele ich mich an meine reichere Möglichkeit heran...Es ist der Tanz der Zukunft, die reicher und menschlicher sein sollte als der Augenblick.“
Also kein falsches Vor-spielen von Gefühlen, sondern ein hoffnungsvolles Heran-spielen an die geglaubte Möglichkeit, dass Feindschaft überwunden werden kann.
Diese Sicht auf Höflichkeit gefällt mir ungleich mehr.
Ich wünsche uns allen einen mit visionärer Höflichkeit gesegneten morgigen Tag!
(Quelle: Der Andere Advent 1998/99, Text zum 7. Dezember; Zitat nach Fulbert Steffensky Herausgegeben von Andere Zeiten e. V., Hamburg.)