Ich starte heute mit einer direkten Frage: Wie fühlen Sie sich eigentlich gerade? - Vielleicht ist ihr erst Impuls zu antworten „gut“ oder auch „nicht so gut“. Aber können Sie auch das Gefühl genau benennen?
Sich da festzulegen, fällt oft gar nicht so leicht. Im Alltag kommen wir oft nicht über die floskelhafte Beschreibung „gut“ oder „nicht so gut“ hinaus. Insbesondere bei den unangenehmen Gefühlen wie z.B. Angst, Trauer, Scham, Ärger gibt’s auch oft eine innere Zurückhaltung, darüber zu reden. Ich möchte mein Gegenüber ja nicht belasten und wer weiß, was der oder die die dann von mir denkt. Und oft genug passiert es auch, dass die Zuhörenden dann gleich was Positives daneben stellen, wie: Das wird schon wieder! Oder: Da musst du jetzt stark sein! - Vielleicht erinnert sie meine schwierige Lage an ihre eigenen Probleme oder sie haben Angst, dass sie mein unangenehmes Gefühl verstärken, wenn wir darüber reden.
Jetzt weiß ich zwar immer noch nicht, wie es Ihnen gerade geht. Aber ich hoffe, dass Sie Menschen kennen, die wissen, wie hilfreich es ist, gemeinsam auch auf die schweren Gefühle des Lebens zu schauen.
Oder wie Erich Fried es einmal pointiert gesagt hat:
Zweifle nicht an dem, der dir sagt er hat Angst,
aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.
(Quelle: Gegengift. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1974; zitiert nach Der Andere Advent 2001/2002, Text zum 14. Dezember, Herausgegeben von Andere Zeiten e. V., Hamburg.)