In der Seelsorge begegnet mir immer wieder das Thema des Loslassens, wenn Menschen durch Krankheit oder den Prozess des Alterns lernen müssen, mit bleibenden Einschränkungen zu leben. Eine Patientin sagte mir dazu: „Ich habe schon früh im Leben gemerkt, dass Loslassen wichtig, ja oft notwendig ist. Ich denke da an Kindererziehung, die Gestaltung von Partnerschaft oder das Festhalten an alten Gewohnheiten. Ich habe sehr oft festgestellt, dass ich im Loslassen nicht Sicherheit verloren, sondern Leben neu gewonnen habe.“
Mir sind erst später Worte von Rainer Maria Rilke begegnet, die das so ausdrücken:
Ich ließ meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß.
Da hab ich ihm seinen Himmel gegeben, -
und er ließ mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…
(Quelle: Die frühen Gedichte, darin: „Ich ließ meinen Engel lange nicht los“, in: ders.; gefunden in: Der Andere Advent 2002/2003, Text zum 1. Januar. Herausgegeben von Andere Zeiten e. V., Hamburg 2002/2003.)