Ein älterer Hand hält liebevoll die kleine Hand eines Babys. Die Falten und die Grobheit der älteren Hand kontrastieren mit der zarten, kleinen Hand des Kindes, was eine starke Verbindung zwischen den Generationen symbolisiert.
26.06
2026
21:58
Uhr

Nähe und Distanz

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Meine Frau hatte ein schönes Abendritual mit ihrem Vater. Als sie noch ein Kind war, kam er jeden Abend vor dem Schlafen in ihr Zimmer, und sie beteten zusammen:

Müde bin ich, geh zur Ruh,

schließe meine Äuglein zu.

Vater, lass die Augen dein

über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut getan,

sieh es, lieber Gott, nicht an.

Deine Gnad und Jesu Blut. Machen alle Taten gut.

Amen.

Das war ein Nachtgebet von Luise Hensel, in etwas abgewandelter Form. Mit diesem Ritual hatte schon die Großmutter Erna ins Bett gebracht. Es ging von einer Generation zur nächsten weiter, so wie es in vielen Familien ist. 
Ein Nachtritual braucht nur wenige Minuten am Abend. Das Licht war schon aus, die Tür einen Spalt offen, und diese vertrauten Worte haben den Tag abgeschlossen.
Nun sind die Oma und der Vater nicht mehr am Leben. Aber dieses Ritual ist geblieben. In Erinnerungen. Und eines Tages wird sie es am Bett von ihrem Kind sagen, und sich an die Menschen erinnern, die mit ihr schon einmal diese Worte gebetet haben. 

Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht mit Gottes Segen.