Zwei Hände halten sich auf einem ländlichen Weg. Eine Hand ist unvollendet und die andere zeigt bunte Tätowierungen. Der Hintergrund besteht aus grünen Wiesen und einem klaren Himmel.
25.06
2026
21:58
Uhr

Unsichtbare Wege

Ein Beitrag von Viktoria Hellwig

Tom steht an der Haltestelle. Er wartet nicht besonders auf die Bahn, eher auf den Moment danach. Er ist auf dem Weg zu seinen Eltern, die sieht er nicht mehr so oft wie früher. Klar, das kann am Job liegen, aber Tom merkt: Das liegt auch an einem Satz, den er seit Jahren mit sich trägt. Er hat ihn oft geübt: Auf dem Weg zur Arbeit oder zu Hause vor dem Spiegel. Heute soll er gesagt werden.

Bei seinen Eltern ist alles wie immer. Der Tisch ist gedeckt, es gibt Kaffee. Seine Mutter fragt nach der Arbeit. Sein Vater kommentiert das Wetter.

Tom hört zu. Er antwortet. Dann holt er tief Luft und sagt es: „Ich bin schwul.“
Es ist ein einfacher Satz. Ohne Erklärung. 

Dieses Gespräch vom Outing kennen heute noch viele Menschen. Mit Angst vor Ablehnung, vor Ausschluss oder vor Schlimmerem. So ein Satz war vorher lange im Kopf, manchmal über Jahre. Mit der Frage, was sich verändert, wenn er ausgesprochen wird. Ob etwas bleibt, wie es ist. Oder nicht.

Ich denke heute Abend daran, weil in diesen Tagen die Pride Week in Berlin sichtbar macht, welche Wege gegangen werden und welche Hürden es noch immer gibt für queere Menschen. 

Und ich denke an jene, die heute Abend mit einem Satz im Herzen einschlafen, den sie sich noch nicht auszusprechen trauen. An jene, die hoffen, angenommen zu werden. Und an jene, die erfahren haben, dass das nicht selbstverständlich ist.

Gott schenke uns offene Herzen füreinander. Und Ihnen eine gute Nacht.