Eine Person liegt im Bett mit einer Decke über sich und hält eine Kaffeetasse in beiden Händen hoch. Im Hintergrund sind dekorative Bilder an der Wand zu sehen.
15.04
2026
06:50
Uhr

Aufwachen

Morgengrauen als Anlass zum Aufstehen: Von Unsicherheit zu Klarheit

Ein Beitrag von Felicitas Richter

Heute habe ich frei. Ich könnte ausschlafen. Wie sehr habe ich mich früher danach gesehnt, als die Kinder klein waren und mich gnadenlos früh geweckt haben. Doch statt tatsächlich auszuschlafen, wache ich heute von selbst auf, sobald der erste helle Streifen am Horizont erscheint.

Der Morgen graut.

Gefangen zwischen Schlafen und Wachsein wälze ich mich von einer Seite auf die andere. Zu müde zum Aufstehen, zu wach zum Weiterschlafen. Gedankenfetzen fliegen mir durch meinen Kopf wie eine Handvoll Konfetti: To-do-Listen, Sorgen, Zweifel. Ein Wirrwarr, das ich noch nicht greifen kann. Ich nenne diese Zeit das „Morgengrauen“.

Irgendwann treffe ich eine Entscheidung. Ich stehe auf, hole mir einen Kaffee und schlüpfe noch einmal ins Bett. Während ich den ersten Schluck trinke und spüre, wie er mich belebt, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Gedanken sortieren sich. Was nachts riesig wirkt, wird plötzlich überschaubar. Was mich überfordert hat, erscheint machbar plötzlich.

Während die Nacht verfliegt, werden meine Gedanken klar.

Das erinnert mich an die biblische Geschichte von Nikodemus – einem Gelehrten, einem angesehenen und klugen Mann. Nachts kommt er zu Jesus, um mit ihm zu sprechen.

‚Warum nachts?‘ frage ich mich.
Vielleicht, weil er Angst hatte, mit Jesus gesehen zu werden.
Vielleicht aber auch, weil er die Stille brauchte, um seine Fragen überhaupt stellen zu können.
Vielleicht, weil er mit Jesus allein sein wollte.

Während ich darüber nachdenke, verstehe ich: Auch Nikodemus erlebt ein Morgengrauen – zwischen dem, was er immer geglaubt hat, und der Ahnung, dass dieser Jesus sein Leben verändern könnte. Zwischen Zweifeln und der Sehnsucht nach Klarheit.

Aber er wartet nicht, bis es hell wird. Er wartet nicht auf das Licht am Horizont. Er geht los. Im Dunkeln.

Während ich den letzten Schluck Kaffee trinke, denke ich: Vielleicht ist das die eigentliche Einladung des Morgengrauens: Nicht warten, bis das Leben vollkommen übersichtlich ist.

Sondern aufstehen. Den ersten Schritt wagen. Und darauf vertrauen, dass es auf dem Weg langsam hell wird.