„Jetzt steh doch mal gerade!“
Wie oft ich das als Jugendliche gehört habe – und wie sehr mich dieser Satz genervt hat. Und neulich ertappe ich mich selbst dabei, wie ich genau das zu meiner Tochter sage, als wir spazieren gehen.
„Jetzt steht doch mal gerade!“ – ein Satz, den auch Physiotherapeuten heute mantraartig wiederholen. Denn uns geht die Haltung verloren.
Wir sitzen zu viel vor dem Computer, schauen auf unsere Handys – der Rücken krümmt sich, der Blick senkt sich.
Aber vielleicht steckt noch mehr dahinter.
Vielleicht beugen wir uns unter der Angst, aufzufallen. Unter Erwartungen, die auf uns lasten. Unter Sorgen, die wir mit uns herumtragen.
Und dann spiegelt die Körperhaltung, was wir innerlich empfinden.
Doch Aufrichten ist nicht nur eine Frage von Willen und Disziplin.
Wir können uns nur aufrichten, wenn uns etwas hält.
In der Bibel wird von einer Frau erzählt, die seit vielen Jahren gekrümmt ist.
Sie kann nicht mehr geradestehen, ihren Blick nicht mehr heben.
Jesus sieht sie. Er spricht sie an, legt ihr die Hände auf. Und plötzlich heißt es:
„Und sie richtete sich auf.“
Ich stelle mir vor, wie sie langsam den Rücken streckt. Tief durchatmet. Wie die Last von ihren Schultern fällt. Wie sie den Kopf hebt – und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder die Menschen um sich herum sieht.
Sie findet in Jesu Zuspruch Halt. Er sieht sie – und das richtet sie auf. Für mich liegt in dieser Szene eine tiefe Wahrheit: Wir können uns nur aufrichten und an Haltung gewinnen, wenn uns etwas hält.
Manche finden diesen Halt im Glauben. Andere in einem Menschen, der ihnen zur Seite steht. In der Gewissheit, gesehen zu werden und nicht allein zu sein.
Dann verändert sich etwas. Der Blick wird weiter. Der Horizont größer.
Und dann passiert noch etwas: Wer aufrecht steht, sieht mehr.
Vielleicht das Unrecht, an dem wir sonst vorbeischauen.
Die Kollegin, die übergangen wird.
Den Spruch, der jemanden klein macht.
Wer Halt findet, kann sich aufrichten. Und wer sich aufrichtet, bekommt Rückgrat.