Ich bin nicht sicher, ob ich den Film wirklich sehen möchte. Ein schweres Thema, zweieinhalb Stunden. Aber die Karten habe ich bereits vor Wochen gekauft – und wenn es mir zu viel wird, kann ich ja früher gehen.
Doch ich bleibe – bis zum Schluss.
Auf der Leinwand: alte Menschen, in ihren Wohnzimmern. Neunzig, manche hundert Jahre alt. Die Kamera hält inne auf ihren Gesichtern – fängt ihr Zögern ein, ihre Suche nach Worten, gibt Pausen Raum.
Es ist, als säße ich bei meinen Großeltern und würde fragen: „Oma, wie war das damals in Nazi-Deutschland?“ „Opa, wie war das im Krieg?“
Die Frauen und Männer auf der Leinwand brechen ihr Schweigen – manche heute, am Ende ihres Lebens, zum ersten Mal.
Sie erzählen, wie sie war, ihre Jugend in Nazi-Deutschland. Sie haben mitgemacht, mitgejubelt. Sind in den Krieg gezogen – und als Verwundete an Leib und Seele zurückgekehrt. Und danach: Schweigen. Jahrzehntelang.
Ich höre zu. Und spüre etwas, das ich nicht erwartet habe: keine Anklage, sondern Demut. Das „Wie konntet ihr nur?“ bleibt mir im Hals stecken. Ich beginne zu ahnen, wie stark die Kraft ist, dazugehören zu wollen. Wie schnell man mitläuft, wenn man nur das hört, was ins eigene Weltbild passt. Und wie groß die Macht derer ist, die wegschauen.
Dann kommen zwei Männer zu Wort, die als jüdische Jungen verfolgt wurden, ihrer Familien und Heimat beraubt. Der eine erzählt, wie er das Haus seiner Eltern besucht hat. Andere Menschen leben jetzt dort. Er sagt, er habe nicht die Kraft, nach den Dingen zu fragen, die seiner Familie gehört haben.
Die Filmemacher stellen ihnen allen die Frage: „Warum haben Sie geschwiegen?“ die Antwort ist einfach. Und erschütternd: „Uns hat niemand gefragt.“
Dieser Satz geht mir nach.
Ich kann meine Großeltern nicht mehr fragen. Mein Opa ist aus dem Krieg nicht zurückgekommen. Aber ich werde meine Eltern fragen. Nach ihren Geschichten.
Vielleicht ist das ein Anfang: Dass wir einander zuhören. Dass wir fragen und aushalten, was zur Sprache kommt.