Eine Nahaufnahme von verwittertem Holz mit abgeblätterter weißer Farbe. Die Oberfläche zeigt verschiedene Texturen und Farben, die von grau bis weiß variieren, und einige natürliche Holzelemente sind sichtbar. Die Bildkomposition vermittelt ein Gefühl von Alter und natürlicher Veränderung.
13.11
2025
06:50
Uhr

Dazwischen

Novembergrau

Ein Beitrag von Felicitas Richter

Die goldenen Blätter sind gefallen. Der Himmel ist grau, die Tage kurz, das Licht gedämpft. Es ist diese merkwürdige Zeit zwischen Herbst und Advent – zu spät für goldene Farben, zu früh für Kerzen und Glanz.

Ein Zwielicht. Weder hell noch dunkel.

November eben.
Kein Monat zum Feiern. Eher ein Dazwischen. Ein „Nicht mehr“ und gleichzeitig „Noch nicht“.

Früher fand ich das deprimierend. Schwer auszuhalten.
Nichts leuchtet, nichts wächst, nichts lockt nach draußen.

Doch inzwischen entdecke ich in diesem Grau etwas Beruhigendes.
Es drängt sich nicht auf. Es lässt mich zur Ruhe kommen, so wie die Natur selbst.
Der Boden atmet aus, die Säfte ziehen sich zurück.
Das Leben hält inne. Unspektakulär – aber wichtig.

Das Grau ist kein Mangel an Leben, sondern seine stille Form.

Ich beginne, diesen Monat zu mögen. Es gibt noch keinen Advents- und Weihnachtsstress, der Garten ist versorgt, und endlich ist Zeit für ein gutes Buch bei einer Tasse Tee – auf dem Sofa, eingehüllt in eine Decke.

So wie die Schöpfung Zeiten hat, in denen sie nicht bewundert werden will, sondern einfach ruht, ist der November für mich eine Einladung, nichts beweisen zu müssen.
Eine Zeit, in der ich nicht glänzen, nicht leisten muss. Einfach sein.
Grauer Alltag im besten Sinne.

Das Leben braucht solche Zeiten des Nachreifens – stille Tage, in denen Vergangenes sich setzt und Neues noch nicht drängt.

Im Kirchenjahr ist der November mit Allerseelen und dem Ewigkeitssonntag der Monat des Erinnerns.
Wir denken an Menschen, die uns fehlen, und an das, was uns im Lauf des Jahres bewegt oder verändert hat. Erinnern kann traurig sein – und doch liegt darin Trost.
Denn im Rückblick wächst Dankbarkeit, und aus ihr neue Kraft.

Ich bin dankbar für diesen Monat, der mir geschenkt ist, um meine Seele nachzuholen und nachwirken zu lassen, was das Jahr mir an kostbarem Leben geschenkt hat.

So wird Grau für mich zur Farbe des Übergangs – zur Farbe der Stille vor dem Neubeginn.