11.11
2025
06:50
Uhr

St. Martins Mantel

Symbol menschlicher Haltung

Ein Beitrag von Felicitas Richter

Heute wird in vielen Orten Deutschlands das Fest des Hl. Martin gefeiert. Martin, der den Mantel teilte. 

Ich erinnere mich an ein Martinsfest, als meine Kinder klein waren. Wir hatten tagelang Laternen gebastelt – Luftballons mit buntem Transparentpapier beklebt und bemalt.

Dann, endlich, das Anzünden der Kerzen. Wir folgen Sankt Martin auf dem Pferd durch die Straßen. Und plötzlich – ein Knistern, ein Aufflackern – die Laterne meiner kleinen Tochter geht in Flammen auf. Als wir das Feuer gelöscht haben, bleiben nur ein trauriger Rest und heiße Tränen. All die Vorfreude, alle Arbeit – in Rauch aufgelöst.

Was kann da trösten? Nichts von dem, was man gut meint. Kein „Nächstes Jahr gibt's eine neue." Kein „Ist doch nicht so schlimm." 

Ich halte sie im Arm, während der Umzug an uns vorbeizieht. Die Geschwister sind einfach da. Drängeln nicht. Halten den Schmerz mit aus. Dann sagt die große Schwester: „Du darfst meine Laterne tragen." Und der Bruder fügt hinzu: „Ich schenke dir nachher mein Hörnchen."

Es geht beim Martinstag um das Teilen von Besitz mit den Armen. Mit denen, die weniger haben als ich. Doch eigentlich geht es um viel mehr als ein Stück Stoff.

Der Mantel ist ein Symbol für menschliche Haltungen. 

Am heutigen Tag ist der Mantel für mich ein Bild für etwas, das wir alle einander schenken können: Der Mantel der Zuwendung. Der menschlichen Wärme. Jemanden einhüllen in Verständnis und Da-Sein, wenn es ihm nicht gut geht. Nicht die Lösung bieten – sondern Trost sein.

Wo begegnen uns Menschen mit verbrannten Laternen? Menschen, bei denen sich etwas in Rauch auflöst? Vielleicht die Kollegin, deren Projekt gescheitert ist. Der Nachbar, der gerade eine Diagnose bekommen hat. Die Freundin, deren Beziehung zerbrochen ist.

Was sie nicht brauchen, ist unser Ratschlag. Oder billiger Trost. Was sie brauchen, ist der wärmende Mantel der Zuwendung. Das gemeinsame Aushalten. Das einfach Da-Sein.