14.11
2025
06:50
Uhr

Raum schaffen

Helligkeit schaffen

Ein Beitrag von Felicitas Richter

Ich räume gerade den Dachboden auf.

Zwischen Staub und leeren Kartons entdecke ich ganze Lebensgeschichten: das Holzpferd, auf dem unsere Kinder geritten sind, eine Kiste mit Faschingskostümen, die ich damals selbst genäht habe – der kleine Drache, die Prinzessin, der Zauberer. Ein alter Webrahmen steht noch da, unbenutzt. Ich wollte immer mal weben lernen. Und hinten, ganz hinten, hängt mein Hochzeitskleid. Ein bisschen vergilbt, aber der Stoff raschelt noch, wenn ich ihn berühre.

Ich setze mich auf eine Kiste und schaue mich um.
Wie viel Leben in solchen Dingen steckt. Wie viele Geschichten, wie viele kostbare und manchmal schon vergessene Momente. 
Manches will ich behalten, anderes kann gehen.

Aufräumen fällt mir nicht leicht. Denn es geht es nicht nur um Ordnung. Es geht um Abschied. 
Darum, Frieden zu schließen mit dem, was war – und Platz zu schaffen für das, was kommen darf.

Ich denke an meinen Lieblingstext in der Bibel. Dort heißt es im Buch Kohelet: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit… eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen“. 

Ich mag diesen Text, weil er nichts bewertet.
Er erlaubt beides – das Festhalten und das Loslassen.
Vielleicht ist Aufräumen eine stille Form von Gebet.
Ein Gespräch mit dem Leben: Danke für das, was war. Und: Ich bin bereit für Neues.

Auch innerlich tut es gut, ab und zu aufzuräumen – in den Gedanken, in alten Verletzungen, in Erinnerungen.
Nicht alles muss man behalten.
Manches darf man mit einem Lächeln zur Seite legen und sagen: „Es war schön. Und jetzt ist es gut.“ Oder: „Das hat mich sehr verletzt. Aber jetzt darf ich die Erfahrung loslassen.“

Als ich den Dachboden verlasse, ist er nicht leer.
Aber heller.
Vielleicht geht es beim Aufräumen gar nicht darum, etwas wegzunehmen –
sondern Raum zu schaffen.
Vielleicht räumen wir gar nicht nur auf, sondern frei –
für das, was in unser Leben kommen will.