Morgens beim Frühstück muss ich mich oft erst einmal an der Tischkante festhalten. Ich gehöre zu den Menschen, die den Tag mit Nachrichten beginnen müssen, während noch der Kaffee durchläuft. Dann stehe ich barfuß im Pyjama gedanklich an der Grenze zu Venezuela und mit einem Fuß auf Grönland. Ich sehe die Stadt im Dunkeln, bin Zeugin des Chaos im Brandenburger Landtag, sitze ungewaschen in einer Vorlesung zum Thema Völkerrecht und bin Teilnehmerin an einer Übung zum Brandschutz. Auf mich prasseln Worte ein wie Feuer- und Eisregen: Flashover, Stromausfall, Angriffe, Übergriffe, kritische Infrastruktur… Das Meiste ist schrecklich und erschreckend, wahnsinnig, beängstigend, traurig, verstörend. Und trotzdem bleibt das Radio nicht aus – es gehört zu meinem Start in den Tag, dass ich durchlässig bleiben möchte und wach für das, was draußen los ist und die Welt bewegt. Ich möchte mich bewegen lassen. Damit das gut geht in diesen Zeiten, brauche ich Hilfe und bitte darum an diesem Morgen:
Gott, gib mir die Gabe, gelassen zu bleiben und weiter auf Empfang.
Ich will die Augen nicht zumachen, meine Ohren nicht zustöpseln, meine Hände nicht in den Schoß legen – Realität ausblenden ist keine Option.
Aber ich will mich beschränken – nicht immer online, nicht immer durchlässig für alles und jeden – manchmal lass mich bitte nur bei mir sein! Erinnere mich an die Pausen, damit Ruhe entstehen kann und Energie für Neues in mir.
Schenk mir die Gabe der Unaufgeregtheit im Chaos. Manches sortiert sich tatsächlich von alleine, wenn man nicht sofort reagiert.
Dämpfe meine Empörung und Besserwisserei, stärke die Erkenntnis, dass auch ich nicht auf alles eine Antwort habe und erst recht nicht von allem eine Ahnung.
Die Wut auf andere kehr um in`s Gebet, denn Fürbitte und gute Gedanken kann jeder brauchen. Sie wirken mehr als Hass und Zorn, der mir selbst mehr schadet als nützt.
Nicht zuletzt: Lass mich nicht achtlos vorübergehen, an dem, was ich habe, was Glück ist und Schönheit in meinem Leben, in dieser Welt.
Stärk in mir die Liebe und die Gabe, sie zu empfangen.
Stärk meine Hände, meine Gedanken, mein Hoffen,
was immer Dein Reich baut auf Erden
heut bin ich dabei.