Im Abteil, genau mir gegenüber, sitzt ein Mädchen. Bunte Röcke, ein Tuch um den Kopf. Sofort springt die Schublade in meinem Kopf auf: ‚Die kommt nicht von hier.‘ „Ausländer“ sagen manche, auch wenn keiner so genau weiß, wo dieses Ausland liegt. Oder „Flüchtlinge“, auch wenn keiner die Gründe kennt. In der Hand hat sie eine Einkaufstüte, im Arm hält sie - eingewickelt in ein Tuch - ein Kind.
Der Vater des Kindes, so meine Vermutung, steht ein Stück abseits, so als würde er gar nicht dazu gehören. Die abgearbeiteten Hände tief in den Taschen vergraben.
Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien Josef im Traum ein Engel, heißt es in der Weihnachtsgeschichte.
Seit Tagen sind sie unterwegs, er immer voll Sorge um seine schwangere Frau. Und dann das: ein Alptraum! Der Engel sagt: „Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten!“
Es kommt also noch schlimmer. Gerade notdürftig eingerichtet, müssen sie schon wieder weiter und das mit einem Säugling! Und was sich herumtreibt in diesen Zeiten: Römer, Rebellen und die Häscher von König Herodes, die dem Kind nach dem Leben trachten.
Aber Josef ist kein Mann vieler Worte. Er hört und handelt, er weiß, was zu tun ist. Jeder Handgriff sitzt: Sachen packen, Esel beladen und die Familie in Sicherheit bringen. So brechen sie auf, ohne klares Ziel, ohne Gewissheit, was der nächste Tag bringt. Die Hoffnung - das, was diese Familie zusammenhält, nehmen sie mit sich: das Kind. Eine Familie auf der Flucht. Eine Familie voll Vertrauen und Verlässlichkeit, voller Zuversicht und Erwartung, voller Sorge und Zuneigung. Das, was uns Familie „heilig“ macht. Die heilige Familie.
Als ich mich an der nächsten Station umschaue, ist der Platz mir gegenüber leer. Rund herum herrscht hektisches Treiben. Die Familie ist weitergezogen. Und vielleicht ist sie einem Engel begegnet, der ihnen den Weg weist, auch wenn die Zukunft ungewiss und unsicher ist.