Frieden-Umzüge, steht in großen Buchstaben auf dem LKW, der bei uns in der Einfahrt parkt. Ich fahre fast dagegen, so irritiert bin ich im ersten Augenblick. „Alles für den Frieden“ steht klein darunter, daneben eine Friedenstaube mit einem grünen Zweig im Schnabel. Frieden-Umzüge, so heißt tatsächlich ein Umzugsunternehmen in Berlin.
Der Frieden zieht um, denke ich, sicher nicht ganz freiwillig, denn eigentlich will er am liebsten bleiben. Er hat sich in den letzten Jahrzehnten hier bei uns häuslich eingerichtet und es sich fast schon gemütlich gemacht. Die Älteren erinnern sich. Damals hatte man ihn so dringend ersehnt.
Jetzt weht plötzlich ein anderer Wind und der Frieden hat es nicht leicht. Plötzlich ist er ein Problem, nicht die Lösung. Und jetzt zieht er also um. Er sucht eine neue Bleibe, das ist nicht einfach, Wohnraum ist knapp und teuer. Geld ist da, aber das wird gerade in die Konkurrenz investiert.
Vielleicht sucht er sich für die ersten Tage erstmal ein Hotel. Interconti ist wahrscheinlich zu ambitioniert, der Deutsche Hof etwas zu provinziell, da hat er vor Zeiten schlechte Erfahrungen gemacht. Also vielleicht im Hotel Europa? Das hat auch schon bessere Zeiten gesehen, aber hier wurde viel aus- und umgebaut. „Können Sie sich ausweisen?“, ist die erste Frage an der Rezeption. Nein, er will sich nicht ausweisen, er ist schon so oft ausgewiesen worden. Außerdem ist hier alles ausgebucht, eine internationale Konferenz, das Gebäude ist praktisch abgeriegelt, da kommt niemand rein ohne gültige Papiere. Aber Papiere und Verträge sind nichts wert, das hat er schon gelernt. Und eine Lobby gibt es auch nicht, jedenfalls nicht für ihn.
Jetzt treibt er sich schon ein paar Tage in der Stadt rum. Er ist gern unter freiem Himmel, und gerade jetzt - zu Weihnachten - da ist er doch eigentlich ein gern gesehener Gast. In aller Munde neben Glühwein und Spekulatius.
Jetzt zieht er also bei uns ein, der Friede, im Erdgeschoss in die WG. Ein indischer Fahrradkurier, eine Studentin aus Mexiko und der fast blinde Herr König. Der Friede reist mit leichtem Gepäck, der LKW vor unserer Haustür ist fast leer. Viel Platz braucht er nicht, also rücken wir ein bisschen zusammen. Und dann macht der Friede das, was ihm am liebsten ist. Er breitet sich aus.