Wendehälse sind nicht beliebt. Wer vor Wahlen Dinge verspricht und sie hinterher nicht hält, verspielt Vertrauen. Wer Freundschaft vorgaukelt und verrät, ist nicht vertrauenswürdig. Wer hoch und heilig Liebe verspricht und dann mit einer anderen davonzieht, hat verspielt. Der Volksmund kennt Redensarten für derlei Gestalten: Sie hängen ihr Fähnlein nach dem Wind oder steigen mit der Nächstbesten ins Bett. In einer der wohl berühmtesten Schriften Martin Luthers wird Gott selbst zum Wendehals. Und die Worte, die der Reformator dafür gebraucht, sind nicht weniger drastisch: „Ist nun das nicht eine fröhliche Wirtschaft, wo der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete Hürlein zur Ehe nimmt und …ziert mit allen Gütern?“ – so schreibt er im berühmten Traktat Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520.1 Gott wechselt die Seiten – würden wir heute dazu sagen. Luther nennt es den fröhlichen Wechsel: Gott wird Mensch, stellt sich mitten hinein in dieses Leben, macht sich dreckig, lässt sich anrühren, wird verletzlich wie ein Mensch – und macht uns zu dem, was wir sein sollen: Gottes Geschöpfe, liebende Mitmenschen, Menschen, denen vergeben wird und die einander vergeben. Gott wechselt die Perspektive – und sieht uns in einem anderen Licht. Und so können auch wir uns in einem anderen Licht sehen. Uns wenden, umdrehen, umkehren. Weg vom Bösen – hin zum Guten. Überkommene Glaubenssätze? Vielleicht sind sie uns heute wieder näher als wir denken. Wenn wir über den Schutz des Klimas streiten, dann wissen wir: Wir haben Anteil daran, wie es der Erde geht. Jeder von uns. Und versuchen, einen Weg zu finden, der das Klima rettet. Ein fröhlicher Wechsel – ich finde, das ist ein schönes Bild bei einem ernsten und belastenden Thema. Jeder Schritt - und sei er noch so klein – bedeutet Umkehr zu Gottes Schöpfung. Dann wird Umweltbewusstsein nicht zur Ideologie, sondern zur Lebenshaltung. Mit jedem nicht gekauften Plastikbecher, jedem mitgebrachten Stoffbeutel, jedem Verzicht auf eine Flugreise findet ein fröhlicher Wechsel statt. In aller Freiheit, denn: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem Untertan.“Und: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“2
1 Karin Bornkamm u. Gerhard Ebeling (Hrsg.) Martin Luther Ausgewählte Schriften. Frankfurt/Main 21983, Bd. 1, S. 246.
2 A.a.O. S. 239.