Frühmorgens kommt sie mir auf dem Gehweg entgegen: die Königin der Straße. Auf einem roten Laufrad. Sie trägt Leggins, verdreckte Turnschuhe, denen man die langen Tage im Sandkasten ansieht, und darüber ein Glitzerkleid mit ausgestelltem Flatterrock – total unpraktisch beim Radfahren – dazu einen blauen Helm. Maximal vier Jahre alt, nicht größer als 1 Meter zehn und einfach umwerfend. Während alle anderen noch müde ihrer Wege ziehen oder abgelenkt auf`s Handy starren, führt sie schwungvoll den Lenker und legt sich elegant in die Kurven. Strahlend und ohne ein Wort, manchmal drückt sie die Klingel. Ist aber nicht nötig – alle schauen hin, jeder macht Platz. Ihr gehört der Gehweg. Ihr gehört die Welt.
Genau so ein Kind stelle ich mir vor, wenn der Evangelist Matthäus folgende Szene beschreibt: Jesus ruft ein Kind zu sich und stellt es direkt vor seine Jünger – mitten auf den Gehweg sozusagen. Die wollen wissen, wer später im Himmel der Größte sei. Seine Antwort lautet:
Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (Mt 18, Vers 3)
Nun ist das ja so eine Sache mit dem Kindsein. Es hört irgendwann auf. Man kann auch nicht zurück in die Kinderschuhe und Kleidergröße 110. Irgendwann gehen Mama und Papa nicht mehr neben einem zum Bewundern und beschützen und Ermutigen. Irgendwann sind sie gar nicht mehr da und man selber verantwortlich für alles. Und trotzdem ist es möglich. Neulich Abend bin ich ihm begegnet auf dem Weg nachhause. Ein Erwachsener auf dem E-Roller mitten auf der Straße in unserem Kiez. Links am Lenker die Aktentasche, rechts in der Hand ein 10er Pack Toilettenpapier. Segelt nachhause, den Lenker elegant mal nach links, mal nach rechts geschwenkt, fröhlich summend auf dem Heimweg, das Zehnerpack schwingt durch die Sommerluft. Ein großes Kind – ein König der Straße. Nach getaner Arbeit froh und dankbar hineingleiten in den Feierabend. Ein kostbarer Segen sind diese Momente. Ein Segen solche Menschen, wenn sie einem begegnen.