Mein Nachbar ist Zeuge Jehovas. Das weiß ich nicht von ihm. Ein anderer Nachbar hat`s mir erzählt. So wie man über Nachbarn redet im Treppenhaus oder bei den Mülltonnen und sich austauscht: neugierig, beiläufig, immer ein bisschen auf der Schwelle zu Klatsch und Tratsch. Nicht böswillig, aber mit diesem Hauch von Hintenrum. Mein Nachbar also sei Zeuge Jehovas, meint mein Nachbar und macht danach eine so bedeutungsvolle Pause, als erwarte er nun eine ebensolche Reaktion von mir – vielleicht weil er weiß, dass ich selber evangelische Pfarrerin bin. Hat schließlich beides mit Gott zu tun irgendwie - ich glaube, ich bin ihm auch manchmal nicht ganz geheuer deswegen. Als ich nicht weiter reagiere, legt er verschwörerisch nach: „Der feiert ja keine Geburtstage!“ – und wieder folgt so ein bedeutungsvoller Blick, als sei damit schon alles gesagt. Nur was eigentlich? Ich mag manchmal auch nicht Geburtstag feiern, schießt es mir durch den Kopf. Vor allem aber denke ich daran, dass ich besagten Nachbarn nicht als Zeugen Jehovas kennengelernt habe, sondern als Singvogelliebhaber. Eine Leidenschaft, die uns verbindet. Da erstaunlich viele Singvögel im Park vor unserer Haustür zu hören sind, die ich nicht immer zweifelsfrei zuordnen kann, hat er gleich Nachbarschaftshilfe geleistet und mir eine App auf dem Handy installiert, mit der ich nun alle Vogelstimmen mühelos identifizieren kann. Auf meinen Glauben ist er dabei nicht zu sprechen gekommen – gehört sich auch nicht in Berlin und Brandenburg, wo Religion und Glaube eher Privatsache sind.
Vor wenigen Tagen – am 24. Juni - wurde im Berliner Tiergarten ein Mahnmal eingeweiht: Ein meterhoher Baumstamm aus Bronze. Er erinnert an die Verfolgung der Zeuginnen und Zeugen Jehovas während der Zeit des Nationalsozialismus. 1933 wurde die christliche Glaubensgemeinschaft verboten - mit Einführung der Wehrpflicht 1935 der Druck auf ihre Anhänger noch verstärkt. Anders als die Mehrheit beider großen christlichen Kirchen passten sich die Zeugen Jehovas nicht an. Sie verweigerten den Militärdienst, halfen jüdischen Verfolgten, verweigerten den Hitlergruß. 1950 wurden sie in der DDR erneut verboten. Das Mahnmal ist überfällig. Genau wie der Abbau von Vorurteilen und mehr Wissen bitte auch über Religion. Beim nächsten Mal also an der Mülltonne.