Sechs stolpersteine mit Gravuren liegen auf einem Gehweg. Diese Gedenksteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus und tragen Namen sowie Daten, um an ihre Schicksale zu erinnern. Sie sind in einem mosaikartigen Muster angeordnet und repräsentieren einen Ort des Gedenkens.
07.04
2026
06:50
Uhr

Jonasstraße 4

Eine Stolperstein-Plakette erinnert an Dr. Fritz Wolfer, Jahrgang 1880. Der Stein vermerkt, dass er 1943 nach Auschwitz deportiert wurde und als „verschollen“ gilt.

Bei uns im Neuköllner Kiez, genauer: vor dem Haus Jonasstraße 4, glänzt ein kleiner Messingstein im Bürgersteig. Viele laufen darüber hinweg. Manche bleiben stehen. Ein Name eingraviert: Dr. Fritz Wolff. Und darunter: „Nach Auschwitz deportiert“. Verschollen. Mehr nicht – und doch ist es ein ganzes Leben. Daneben ein zweiter Stein für seine Frau Margarete. Sie liegen an einer Adresse, die einmal Heimat war. Ein Zuhause. Eine Ehe. Leben - ausgelöscht.

Es sind Stolpersteine. Über elftausend davon gibt es in Berlin. Sie heißen Stolpersteine nicht, weil man wirklich fällt, sondern weil man innerlich stolpern soll. Weil etwas hängenbleibt. Für einen Moment wird der Gehweg zur Schwelle. Aus Alltag wird Geschichte. Aus einer Adresse ein Abgrund. Der Künstler Gunter Demnig verlegt sie vor den letzten frei gewählten Wohnungen von Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die Namen kehren zurück an die Orte, aus denen sie verschwunden sind.

Hier in Neukölln wirkte auch Pfarrer Arthur Rackwitz. Einer von denen, die nicht schwiegen. Er gehörte zu den führenden Theologen des religiösen Sozialismus, war Mitglied der SPD und damit ein früher, innerkirchlich heftig umstrittener Unterstützer der jungen Demokratie. Als Pfarrer in Neukölln stellte er sich offen gegen das Regime.

Rackwitz schloss sich der Bekennenden Kirche an – der kirchlichen Bewegung, die sich all dem widersetzte, weil sie daran festhielt, dass Jesus Christus und nicht der „Führer“ das letzte Wort hat. Mutig half er politisch Verfolgten, mutig versteckte er Juden. Mehrfach wurde verhaftet. Er kam dann auch bis Kriegsende ins Konzentrationslager Dachau – weil er einem Widerstandskämpfer Unterschlupf gewährt hatte.

Diese Steine im Pflaster verbinden die Geschichte derer, die ausgelöscht wurden, mit der Geschichte derer, die sich weigerten, auszulöschen. Kleine Quadrate aus Messing – ein stummer Widerstand gegen das Vergessen.

Das Neue Testament weiß viel von solchem Mut. Aber es gibt keinen großen Satz über diesen Mut. Nur dieser leise: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Jesus sagt nicht: Bewundert die Tapferen! Er sagt: Fürchte Dich nicht!

Vor der Jonasstraße 4 liegt also mehr als ein Name. Dort liegt ein Leben, das nicht vergessen wird – und wartet, dass jemand stehenbleibt.