Ein Wochenende, bei uns im Kiez mit dem deutschlandweit bekannten Schmuddelimage. In meiner Kirche gleich neben der Hermannstraße riecht es nach frischen Blumen und auch ein bisschen nach Aufregung. Ein paar Stühle werden noch zurechtgeschoben, vorne wartet das Brautpaar, aufgebrezelt und nervös. Hinten tuscheln Freunde, die eigentlich noch nie in der Kirche waren. Das Handy natürlich immer dabei. Und irgendwo neben der Orgel steht plötzlich eine kleine Box. Bluetooth an, Playlist bereit – gleich kommt ihr Lied.
Bei Hochzeiten werden heute erstaunlich wenige große Reden gehalten. Alles ist zu viel auf einmal – die Gefühle, die Erwartungen, der Gedanke, dass heute wirklich ein neues gemeinsames Leben beginnt. Und: Wird das auch klappen? Dafür gibt es keine passenden Sätze. Kein Formular, keine Rede, kein Gedicht trifft wirklich das, was da im Inneren los ist.
Und dann erklingt dieses eine Lied. Ihr Lied. Das Lied, das durch schwere Zeiten getragen hat. Das Lied, das an den ersten Kuss erinnert. Oder an diesen Abend in der Küche, als beide wussten: Zusammen geht es weiter – auch wenn es schwierig wird. Drei Minuten Musik sagen oft mehr als jede perfekt formulierte Traurede. Da kann man sogar mit Ed Sheeran einen Engel treffen oder mit Helen Fischer atemlos werden.
Als Pfarrer in Neukölln begegnet mir das immer wieder. Paare, die mit Kirche kaum vertraut sind, wissen doch sehr genau, welches Lied zu ihnen gehört. „Das ist unser Lied“, so sagen sie. Und während die Melodie durch das Kirchenschiff zieht, verändert sich etwas: Nervosität verwandelt sich zum Lächeln, Unsicherheit in Zuversicht. Hier und da rollt ein Tränchen. Die Musik trifft das Herz, ganz tief.
Manchmal denke ich dann: Eigentlich ist das gar nicht so neu. In der Bibel steht, dass Gottes Geist selbst dann für uns eintritt, wenn uns die Worte fehlen. Dass da jemand ist, der das Unaussprechliche übersetzt – ins Seufzen, ins Hoffen, vielleicht heute auch ins Singen. Und Jesus hat versprochen: Wo zwei Menschen sich auf den Weg miteinander und mit ihm machen, da ist er mitten unter ihnen.