Mein Dienst als Arzt beginnt heute erst mittags zur Spätschicht. Zeit genug, um vorher nochmal bei einem meiner Lieblingsorte einzukehren: dem Raum der Stille am Brandenburger Tor. Mal arbeite ich selber ehrenamtlich dort – mal bin ich Gast wie viele andere Besucherinnen und Besucher. Am 26. Juli kurz nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day war ich dort und habe einen Aufkleber vom CSD „Liebe tut der Seele gut“ ins Gästebuch geklebt.
Offizielle Arbeit und Ehrenamt gehören für mich übrigens zusammen. Ich bin so aufgewachsen, in einem kleinen Dorf in Vorpommern. Seit 1985 lebe ich in Berlin, wohne im Friedrichshain und arbeite in Neukölln. Ehrenamtlich eben auch mal im Raum der Stille direkt am Brandenburger Tor.
Waren Sie schon mal dort? Sonst empfehle ich es Ihnen heute.
Man kommt ganz einfach hin: Vom Osten aus das Torhaus rechts. Von Westen aus das Torhaus links! Am Eingang finden Sie ein paar Worte aus einem Gedicht von Reiner Kunze: „Treten sie ein, hier dürfen sie schweigen …“
Der Raum der Stille lädt ein, innezuhalten: an Menschen zu denken, an ein besonderes Datum wie heute: 9/11, um zu beten oder zu meditieren. Er ist offen für alle – gleich welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Zur persönlichen Sammlung und Einkehr. Im Vorraum sitzen Ehrenamtliche, die Faltblätter in vielen Sprachen bereithalten. Klar, bei den vielen Touristen an diesem geschichtsträchtigen Ort, der für so vieles steht: Spaltung und Wiedervereinigung, Diktatur und Freiheit. Dieser besondere Raum will gerade hier ein Zeichen setzen für Toleranz und Friedfertigkeit, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Von hier aus wurde auch schon mal vor der offiziellen Besucherzeit deutschlandweit eine interreligiöse Feier zum Jahreswechsel übertragen: Juden, Christen und Muslime kamen zusammen, um einen Friedensgruß in die Häuser zu senden - aus der Kraft der Stille heraus. In diesem Sinne: Pax et bonum - Frieden und Gutes für Sie, für Stadt und Land und diese Welt. Wir haben immer eine Wahl uns dafür zu entscheiden! Im Raum der Stille lässt sich das begreifen – von da aus kann es dann auch wieder laut werden – mitten in Berlin.