Eine Hand hält eine Kreditkarte über ein Kartenlesegerät auf einem Tisch. Neben dem Gerät steht eine Tasse Kaffee. Das Bild vermittelt das Thema des Bezahlens in einem Café.
30.05
2026
06:50
Uhr

Voneinander lernen

Alltag im Krieg, digitale Alltagsführung und persönliche Gelassenheit im Spannungsfeld von Verteidigungsdruck und Mitgefühl.

Ein Beitrag von René Pachmann

Reisen bildet ungemein. Denn in der Fremde springt uns das Neue nur so an – ich habe das vor einigen Woche auf einer Reise in die Ukraine erfahren. Beim Besuch von kirchlichen Einrichtungen und sozialen Projekten habe ich zusammen mit einer Gruppe aus Ostbrandenburg viele Menschen getroffen, die seit Jahren den russischen Angriffskrieg in ihrem Land aushalten müssen. Und diese Menschen gehen ganz unterschiedlich damit um. 

Zwei Dinge, die wir von Ukrainerinnen und Ukrainern lernen können, haben sich mir in besonderer Weise eingeprägt:

Erstens: in der Ukraine ist trotz des Krieges alles viel digitaler als in Deutschland – nahezu alles kann mit Karte bezahlt werden, auch der Kaffee und die Eiskugel am Straßenstand. Außerdem sind viele öffentliche Dienstleistungen bis zur Anmeldung eines Autos online möglich. 

Einmal fragte ich einen unserer Gesprächspartner von der evangelischen Gemeinde in Odesa, wie das denn ältere Menschen in seiner Gemeinde machen. Sie könnten im Alarmfall ja sicher nicht die Telegram-Info-Kanäle kontrollieren, um zu wissen, ob sie vom Alarm betroffen sind. Er verstand meine Frage zunächst gar nicht. Sie würden eben einen anderen Messengerdienst benutzen, gab er mir zu verstehen.

Was zweitens auffällig war: eine eigentümliche Gelassenheit, was individuelle Entscheidungen im Krieg angeht. Vielleicht zieht sich das nicht durch die ganze Gesellschaft, aber wir hörten es öfter: „Menschen sind halt Menschen.“

Die Nachbarschaft weiß beispielsweise davon, dass ein Bruder unerlaubt außer Landes gegangen ist oder der Vater das eigene Grundstück aus Angst vor der Mobilisierung in die Armee seit Jahren nicht mehr verlässt – aber „Menschen sind halt Menschen.“

Mein Eindruck war, dass der Druck auf die Ukraine ungeheuer groß ist, um verteidigungsfähig zu bleiben – gleichzeitig gibt es aber auch viel Verständnis für jene, die ihr Land nicht mit der Waffe verteidigen wollen.

Ich wünsche mir ein klein wenig von diesem Verständnis in unseren aufgeheizten deutschen Debatten, ob es nun um die Wehrpflicht geht oder um die Heizung im Keller. Vielleicht können wir damit beginnen, einander zunächst eine gute Absicht zu unterstellen. Auf diese Weise üben wir verständnisvolle Großzügigkeit miteinander ein.