Eine Freundin erzählte mir eine Geschichte aus ihrer Grundschulzeit.
Im Kunstunterricht bekam die Klasse die Aufgabe, den Himmel zu malen.
Alle malten einen blauen Himmel mit weißen Wolken.
Nur sie nicht. Sie malte einen weißen Himmel mit blauen Wolken.
Die Lehrerin schaute sich das Bild an, lächelte und gab ihr eine Eins. Die anderen Kinder protestierten. Das sei doch falsch. Der Himmel sei blau und die Wolken weiß.
Bis heute erinnert sich meine Freundin an dieses Bild. Und ich muss oft daran denken. Denn diese Freundin hat sich bewahrt, das im Laufe des Lebens vielen verloren geht: ihre Fantasie. Sie liebt Farben und Pflanzen, sammelt Glitzersteine und gestaltet ihre Wohnung immer wieder neu. Sie sieht Möglichkeiten, wo andere längst entschieden haben, wie etwas zu sein hat.
Mich berührt das. Denn ich merke, wie schnell ich selbst bewerte. So ist es richtig. So ist es falsch. So war es schon immer.
Dabei braucht das Leben Fantasie. Nicht nur Kinder brauchen die Fähigkeit, sich etwas anderes vorzustellen. Auch Erwachsene brauchen sie. Denn ohne Fantasie bleiben wir oft gefangen in dem, was wir bereits kennen. Wir können uns keine Veränderung vorstellen. Keine neuen Wege. Keine Hoffnung, wo gerade nur Grenzen zu sehen sind.
Der Theologe Jörg Lauster nennt die Bibel ein „Ausdrucksuniversum“. Das gefällt mir. Die Bibel ist voller Bilder und Geschichten, die unseren Blick verändern können. Gott ist ein Hirte. Ein Fels. Eine Quelle. Ein Licht. Jesus erzählt von Senfkörnern, Perlen, verlorenen Schafen und einem Vater, der seinem Sohn entgegenläuft. Diese Bilder erklären die Welt nicht. Sie wollen unseren Blick öffnen. Sie zeigen: Die Welt ist größer, als wir manchmal denken.
Auch die Psalmen sprechen in Bildern. Einer meiner Lieblingsverse lautet: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“
Das ist mehr als ein schöner Satz. Er beschreibt, was Glaube mit Menschen machen kann. Er führt heraus aus den engen Vorstellungen davon, wie alles zu sein hat. Er macht Platz für Hoffnung, für neue Gedanken und für das Vertrauen, dass die Welt größer ist als das, was ich schon kenne. Manchmal beginnt dieser weite Raum mit einem weißen Himmel und blauen Wolken. Vielleicht ist Fantasie keine Spielerei. Sondern die Fähigkeit, sich von Gott überraschen zu lassen.
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