Der große Gelbe ist für mich Inbegriff von Heimat: Die Doppeldeckerbusse im Berliner Nahverkehr gehören zu den Markenzeichen dieser Stadt, seit meiner Schulzeit transportiere sie mich sicher und zuverlässig an mein Ziel. Doch der Gelbe hat Probleme – wie viele und vieles hier: Es gibt zu wenige, viele Modelle Pfeifen auf dem letzten Loch, manch Neuanschaffung ist nicht ganz geglückt: Man kann sich nicht wirklich gegenübersitzen, sonst reicht der Platz für die Füße nicht. Beim Hinsetzen oder -aufstehen stößt man sich brutal den Kopf, weil Haltestangen schlecht angebracht sind. Sobald es heiß wird, klappert die Klimaanlage, die überwiegend heiße Luft bläst, und der Bus beginnt grausam zu quietschen. Vor allem aber gibt es zu wenig Menschen, die den großen Gelben fahren. Also fahren immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund, teilweise mit einem Affenzahn – fast immer um Längen freundlicher als die waschechten Berliner Busfahrerinnen und Busfahrer. Jetzt passierte mir das:
Der Bus biegt in den Busbahnhof: „Endstation – alle aussteigen!“ Auf der Bank draußen sitzen zwei Frauen. Sie tragen lange Gewänder und Kopftücher. Als der Bus hält, springen sie auf. Sie winken und klatschen und strahlen über das ganze Gesicht. Die Fahrgäste sind irritiert. Wie sich herausstellt, war es die erste „richtige“ Fahrt des Busfahrers, der aus dem Irak stammt. Die eine Frau ist die Schwester, die andere seine Mutter. Jetzt stürmen sie beide zur Eingangstür, es gibt Küsse und Umarmungen. Der Busfahrer ist sichtlich verlegen, doch an seinem Gesicht lässt sich ablesen, wie gerührt er ist - und wie stolz!
„Jut jemacht!“ ruft ihm ein Fahrgast beim Aussteigen ganz lässig über die Schulter zu – und ich denke: Mehr Lob geht nicht in dieser rauen Stadt. Und ich hoffe, dass dieser Fahrer weiter so engagiert und fröhlich bleibt in diesem anspruchsvollen Job. Und dass ihm freundliche Fahrgäste begegnen, die seinen Dienst wertschätzen. Ich denke auch: Willkommenskultur ist keine Einbahnstraße. In dem Fall wünschte ich mir, wir Eingesessenen würden mehr von der fremden Willkommenskultur gegen die eigene Ruppigkeit eintauschen. Und gerade in diesen oft anstrengenden Zeiten mehr Danke sagen für Dinge, die wir oft so selbstverständlich nehmen.