Eine Schüssel mit frisch zubereitetem Popcorn steht neben einer Tasse heißen Getränks, umwickelt mit einem roten Strickmuster. Im Hintergrund sieht man einen gemütlichen Kamin mit lodernden Flammen. Ein rotes Plaid ergänzt die warme Atmosphäre.
25.11
2025
21:58
Uhr

Der Vagabundenwind: Sehnsucht nach dem Anderswo

Ein Beitrag von Merle Remler

An manchen Abenden sitze ich am Wohnzimmerfenster, schaue hinaus auf die Straße. Ich sehe, wie der Wind die Blätter durch die Straßen treibt und die Äste zur Seite biegen. Drinnen ist es warm, der Kaminofen prasselt und knackt, der Tee duftet nach Lavendel und Salbei aus dem Sommergarten, und meine Füße stecken in kuschligen Lammfellschuhen. Obwohl es gemütlicher eigentlich nicht sein könnte, höre draußen ich den Vagabundenwind das Abenteuer pfeifen - und möchte doch so gerne mit! Raus in die stürmische Weite, den Wind in meinen Haaren spüren und die feinen Regentropfen in meinem Gesicht. Die Hände tief in den Taschen vergraben, den Schal um den Hals gewickelt, nach vorne gebeugt auf das nächste Abenteuer zu! Wohin wird der herumstromernde Wind mich wohl mitnehmen? Egal, auf jeden Fall ins Anderswo! Denn, so schreibt es die Dichterin Mascha Kaléko so schön: 

Der Sehnsucht nach dem Anderswo

Kannst du wohl nie entrinnen:

Nach Drinnen, wenn du draußen bist,

Nach Draußen, bist du drinnen.

Schlafen Sie gut und lassen Sie sich von dem alten Vagabundenwind mitnehmen. Oder bleiben Sie einfach im warmen Bett.

 

Lit.: Kaléko, Mascha: „Sehnsucht nach dem Anderswo“, in: Gedichte aus dem Nachlass, herausgegeben von Gisela Zoch-Westphal, München: dtv, 1977.