In meiner Garderobe steht ein altes Paar Schuhe. Sie waren mal weiß, jetzt sind sie grau mit rot-braunen Flecken. Es ist fast so, als hätte der November sich auf meine Schuhe gemalt, sich in die Nähte verkrochen und würde mich mit seinem Wind, der vorne durch das kleine Loch in der Schuhspitze pfeift, nach draußen wehen. Wenn mein Hund diese Novemberschuhe in meiner Hand sieht, kommt er immer schon ganz eifrig angetrabt und wedelt mit der Rute, als wäre der Himmel plötzlich blau. Und ich weiß, es ist Zeit nach draußen zu gehen, die Pfützen unter mir und die Tropfen über mir zu spüren. Und während ich meinem Hund das Geschirr umlege, denke ich an Erich Kästners Zeilen über den nassen November:
„Ziehen Sie die ältesten Schuhe an,
die in Ihrem Schrank vergessen stehn!
Denn Sie sollten wirklich dann und wann
auch bei Regen durch die Straßen gehn.
Ist es nicht, als stiegen Sie durch Träume?
Und Sie gehn doch nur durch eine Stadt!
Und der Herbst rennt torkelnd gegen Bäume.
Und im Wipfel schwankt das letzte Blatt.
Vergessen Sie nicht Ihre ältesten Schuhe und steigen Sie heute Nacht in ihnen durch Ihre Träume!
Lit.: Kästner, Erich, Nasser November, in: Novembergedichte, herausgegeben von Evelyne Poltz-Heinzel und Christine Schmidjell, Reclam, Stuttgart 2013, Seite 33.