Im Alltag reißt manchem der Geduldsfaden schnell. Auch gesellschaftlich erleben wir gerade einen Ton, der Härte fordert, schnelles Durchgreifen, einfache Lösungen in großen Schritten. Mich erschreckt das manchmal. Darum halte ich lieber an den kleinen Schritten fest. An dem, was der Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer einmal so beschrieben hat:
Wir loben die kleinen Schritte.
Den Mann, der das voreilige Wort nicht ausspricht.
Die Stimme, die sagt: Pardon, ich bin schuld.
Die über den Zaun des lästigen Nachbarn gestreckte Hand.
Wir loben die kleinen Schritte.
Die Faust in der Tasche.
Die nicht zugeschlagene Tür.
Das Lächeln, das den Zorn wegnimmt.
Wir loben die kleinen Schritte.
Die Stunde am Bett des Kranken.
Die Stunde der Reue.
Die Minute, die dem Gegner Recht gibt.
Wir loben die kleinen Schritte.
Das Gespräch der Regierungen.
Das Schweigen der Waffen.
Die Zugeständnisse in den Verträgen.
Wir loben die kleinen Schritte.
Den kritischen Blick in den Spiegel.
Die Hoffnungen für den anderen.
Den Seufzer über uns selbst.
Ihnen allen eine gesegnete Nachtruhe!
(Quelle: Lob der kleinen Schritte von Rudolf Otto Wiemer. Basel, 1981; gefunden in: Siebzigmal siebenmal. Zum Vorlesen oder Erzählen. Eigenverlag, 2010, ohne Seitenangabe.)