Es ist, so sprach sie, mein Lieblingsgedicht.
Warum?, fragte ich.
Wenn ich traurig bin, sagte sie, dann erinnert es mich daran, dass es noch anderes gibt als Kummer. Wenn ich auch Kummer oft nicht vermeiden kann, kann ich doch daran mitwirken, dass er mich nicht überflutet.
Jetzt bin ich neugierig, sagte ich.
Und so zitierte sie mir ihr Lieblingsgedicht:
glücklich
die ihr betrunken sein könnt
vom blau des Himmels
möge der Rauschtrank
nie mangeln
und süffig
ein Leuchtvorrat
auch unter finstergewölk
aus schuh und angel
euch heben
trinkt blau
trinkt nicht Kummer!
Das klingt, schmunzelte ich nach dem Hören, das klingt wie ein Trinkspruch aufs Leben!
Das trifft es gut, sagte sie, denn das Leben ist immer hoch und tief, ist Freude und Kummer, ist Himmel und Erde.
Wir wollen, sagte sie zum Abschied, wir wollen im Leid uns nicht verlieren, sondern am Himmel, an der Schönheit und der Hoffnung uns berauschen.
Machs gut, sagte ich und: Ich werd heut Nacht vom himmelblau träumen, du hoffentlich auch!
Quelle: Marti, Kurt (1987): „blauer himmel“, in: Mein barfüßig Lob. Gedichte. Darmstadt/Wien 1987, S. 59.