Ein Mädchen springt lächelnd in einen See. Sie trägt einen bunten Badeanzug und hat die Arme ausgebreitet. Im Hintergrund sind Bäume und Berge zu sehen, während die Wasseroberfläche sanft glitzert.
13.09
2025
06:50
Uhr

Achtsamkeit

Ein Beitrag von Dorotheé Offermann

«Guck mal Mama! Guckst Du?» 
Und wenn ich dann nicht aufmerksam hingesehen habe, dann muss ich bei den darauffolgenden Fragen lügen: «Hast Du’s gesehen? Wie fandest Du’s?? Warte mal, ich machs gleich nochmal!!» 
So geht das momentan pausenlos zuhause. Die neunjährigen Zwillinge wollen sich zeigen. Sie springen so lange ins Wasser, bis ich mit Sicherheit genau hingesehen habe – bis ich den ersten mit den drei folgenden Sprüngen verglichen, benotet, ausführlich bewertet und – natürlich – gutgeheissen habe.
In den Sommerferien hat das meine Nerven irgendwann extrem strapaziert. «Guckst Du, Mama??» «Frag mal Papa, der kann jetzt auch mal gucken!»
«Papa, guckst Du jetzt mal! Jeheetzt!!» Dieses Jahr, war es einfach unmöglich, ein Buch im Urlaub zu lesen. Es ist dieses unfassbar grosse Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, das mich gefordert hat. Aber dann wird mir etwas klar: Ich will gar nicht immer hinsehen. Und ich will auch nicht ständig alles bewerten!  - Ich will auch selbst gesehen werden. Diese Aufmerksamkeit bekommen. Es gibt zig Sachen am Tag, bei denen ich am liebsten nach jemandem brüllen würde: «guck mal, wie gut ich das kann!» Ich will auch, dass jemand genau hinsieht, wie mega schnell ich die Betten beziehen, rückwärts einparken, meinen Job, die Kinder und den Haushalt schmeisse kann. «Guck mal, bin ich nicht genial?!» 
Und abends muss ich dann oft feststellen, dass keiner verzückt bestaunt, gelobt und gesehen hat. Doch genau das fehlt! Ich will auch Aufmerksamkeit! Ich will auch, dass einer hinsieht, mich lobt und anspornt. Und es ist gar nicht so einfach, mir einzugestehen, dass ich das nicht nur will, sondern sogar brauche. Ich brauche es, dass jemand wohlwollend hinsieht. Mich bestätigt. «Ich sehe dich!» «Du hast meine volle Aufmerksamkeit!» «Ich bin jetzt ganz bei dir, nichts wird mich ablenken. Denn Du bist mir soo wichtig, dass ich jetzt ganz auf dich achte.» Sie ahnen es: So ist Gott für mich. Wie eine unerschütterliche Mutter, die immer wieder genau hinsieht, wenn das Kind zum fünfzehnten Mal in den Pool springt. Mit engelsgleicher Geduld. Ich bekomme ihre vollkommene Aufmerksamkeit und darf immer wieder vom Beckenrand springen. Und Gott wird immer wieder sagen: «Ich sehe dich! Du machst das toll!»