Ein Mann sitzt nachdenklich auf einem Bett in einem trüben Raum. Schwacher Lichtschein fällt durch das Fenster, während leichter Nebel die Szene umgibt. Die Atmosphäre wirkt melancholisch und introspektiv.
16.06
2026
06:50
Uhr

Arbeitsliebe

Ein Beitrag von Claudia Mieth

„Du liebst deine Arbeit mehr als mich“. Seit einem Jahr hängt dieser Zettel im Flur am Spiegel. Jeden Abend, wenn Tom in die leere Wohnung kommt, sieht er ihn. Und noch immer kann er nicht begreifen, was eigentlich passiert ist.

Tom erinnert sich noch genau an seinen ersten Tag in der Firma. Wie stolz er war, dass ausgerechnet er aus den vielen Bewerbern ausgewählt worden war. Natürlich hat er sich in die Arbeit gestürzt, Tom musste doch beweisen, dass er der Richtige dafür ist.

Der Chef erkannte seine Talente schnell. Immer öfter durfte er Verantwortung für wichtige Aufgaben übernehmen, die noch am gleichen Tag schnell und zuverlässig erledigt werden mussten. Das war nicht nur eine Ehre für ihn, sondern auch eine Selbstverständlichkeit. Wie sonst hätte er sich so bewähren können, dass ihm die Projektleitung für die neue Produktlinie übertragen wurde. Und als Leitung trägt man Verantwortung, da kann man nicht einfach mittendrin den Stift fallen lassen.

Leicht schüttelt Tom den Kopf als er daran denkt, wie sie ihn immer wieder gebeten hat, kürzer zutreten. Wie hatte sie sich das vorgestellt? Er macht das doch alles auch für sie.

Dass die Projekteröffnung ausgerechnet auf den 60. Geburtstag ihrer Mutter fiel, war wirklich unglücklich. Aber dafür konnte er nichts. Warum hat sie das nicht verstanden?

Und dann kam dieser Abend. Das Einzige, was auf ihn wartete, war der Zettel. Sie war weg: ihre Koffer, Lieblingskleider, Bücher und die bunte Kuscheldecke. Geblieben war nur eine beißende Stille.

Mit dieser Erfahrung ist Tom nicht allein. Immer wieder zerbrechen Beziehungen daran, dass sich ein Partner vom anderen nicht gesehen fühlt. Die Belastung durch Arbeit, Studium oder die Pflege eines Angehörigen kann die letzte Kraft rauben. Scheinbar bleibt dann nichts mehr für den Partner. Dann ist höchste Zeit die Notbremse zu ziehen.

In der Bibel steht: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an. Machen wir es ein wenig wie Gott. Schauen wir nicht nur auf das, was wir sofort sehen, sondern gönnen wir uns bewusst Momente der Zweisamkeit, egal, wie viel zu tun ist. Schauen sie sich an, hören sie sich zu und genießen sie, dass sie sich haben, trotz allem. Das hilft, den Menschen an unserer Seite nicht aus dem Blick zu verlieren sondern zu zeigen: Du bist mir wichtig. Das stärkt, Gott sei Dank.