Eine Person steht auf einem Gehweg neben einem schwarzen Koffer mit Rollen. Der Koffer ist aufrecht und hat eine ausziehbare Griffe. Die Person trägt eine lange Jacke und Jeans, sowie sportliche Schuhe.
18.06
2026
06:50
Uhr

Reiselust

Ein Beitrag von Claudia Mieth

Zum siebten Mal räumt Helga den Koffer aus und wieder ein. Lieber doch die weiße Hose, die trägt nicht so auf. Vielleicht doch das gelbe Oberteil, das fällt etwas vorteilhafter über ihre nicht mehr ganz so jungen Hüften. Fast muss Helga lachen, dass sie sich mit 58 Jahren noch immer solche Gedanken um ihr Aussehen macht. Doch zum Lachen ist ihr nicht zumute, denn so langsam kommt die Aufregung. In ein paar Stunden wird Helga in den Reisebus steigen, der sie gemeinsam mit lauter ihr fremden Menschen nach Spanien bringt.

„Du musst mal wieder raus, Mama“ haben ihre Kinder gesagt und sie schließlich überredet, die Pauschalreise zu buchen. Seit fünf Jahren war sie nicht mehr im Urlaub, seit dem plötzlichen Tod von Martin. Als sie an ihn denkt, ist er wieder da, dieser stechende Schmerz irgendwo zwischen Herz und Magengrube.

Früher sind sie jeden Sommer nach Spanien gefahren, einfach ins Auto gestiegen und los. Martin hat die Orte ausgesucht, an denen sie mal eine, mal mehrere Nächte blieben. Sie hat dafür gesorgt, dass sie genug Proviant dabeihatten und nichts vergessen wurde. Immer war das Auto vollgestopft mit all den Sachen, die man für einen Urlaub mit zwei Kindern braucht. Später, als die Kinder aus dem Haus waren, sind sie trotzdem gefahren. Sie hatten längst ihre Lieblingsorte gefunden, an die sie immer wieder voller Vorfreude zurückgekehrten.

Und jetzt ist sie allein. Die Kinder fahren mit ihren eigenen Familien in den Urlaub. Mitfahren würde sie schon gern. Aber zu fragen hat sie sich nie gewagt. Sie will ihnen schließlich nicht zur Last fallen.

Skeptisch schaut sie auf den wieder vollen Koffer. Eigentlich hat sie keine Lust auf Spanien. Keine Lust auf die lange Busfahrt und auf fremde Menschen. Aber was soll’s – Bezahlt ist es nun schon. Energisch klappt sie den Koffer zu als ihr Sohn klingelt, um sie zum Reisebus zu bringen.

Ob Helga diese Reise gefallen hat, weiß ich nicht. Aber manchmal muss man Mut aufbringen, einen ersten Schritt zu tun. In der Bibel heißt es dann oft: Fürchte dich nicht. Und: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Und wer weiß, wenn man sich rufen lässt, kann die Erfahrung folgen, nicht allein unterwegs zu sein. Was für ein Geschenk- Gott sei Dank.